{"id":867,"date":"2018-06-13T09:51:16","date_gmt":"2018-06-13T08:51:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.doreen-gehrke-verlag.de\/?p=867"},"modified":"2018-11-11T17:32:59","modified_gmt":"2018-11-11T15:32:59","slug":"herta-mueller-mein-vaterland-war-ein-apfelkern-ein-gespraech-mit-angelika-klammer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.doreen-gehrke-verlag.de\/?p=867","title":{"rendered":"Herta M\u00fcller \u00bbMein Vaterland war ein Apfelkern \u2013 ein Gespr\u00e4ch mit Angelika Klammer\u00ab"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section bb_built=&#8220;1&#8243;][et_pb_row][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243;][et_pb_text _builder_version=&#8220;3.6&#8243; text_font_size=&#8220;14px&#8220; text_orientation=&#8220;justified&#8220; link_text_align=&#8220;justify&#8220; link_text_color=&#8220;#515151&#8243; link_font_size=&#8220;14px&#8220;]<\/p>\n<p>\u00bbNein, man hat mich nicht erwischt. Man sah mir \u00fcberhaupt nichts an. Niemandem sah man etwas an. Wenn es drau\u00dfen Nacht wurde, kamen alle zum Nachtessen an den Esstisch. Wir a\u00dfen und niemand fragte den anderen, wie der Tag f\u00fcr ihn war. An jedem hingen die Geheimnisse. Ich war mir sicher, jeder ist von der Stirn bis zu den Zehen traurig, jeder hat Krallen im Herzen und wehrt sich, aber nur von innen, damit man es nicht sieht. Ich glaubte, diese Dorftrauer hat jeden im Griff, sie ist gleichm\u00e4\u00dfig \u00fcber alles verteilt. Man kann ihr nicht entkommen. Ich war oft traurig als Kind, weil ich zu viel allein war.\u00ab, erz\u00e4hlt Herta M\u00fcller \u00fcber ihre Kindheit im rum\u00e4nischen Nitzkydorf. \u00bbMein Vaterland war ein Apfelkern\u00ab ist autobiografisch und bibliografisch zugleich, aber werden Lebensereignisse und Publikationen nicht einfach nur aufgez\u00e4hlt. Es ist ein Gespr\u00e4ch zwischen Herta M\u00fcller und Angelika Klammer, das uns Leser auf Herta M\u00fcllers Leben blicken l\u00e4sst und uns erkl\u00e4rt, warum diese zahlreich ausgezeichnete Schriftstellerin gerade die Geschichten geschrieben hat, die sie geschrieben hat und wie sehr Schilderungen in ihren B\u00fcchern mit ihrem eigenem Leben verflochten sind und vielleicht auch, weshalb Herta M\u00fcllers so wunderbar poetische Sprache ihre Leser fasziniert. Die Publizistin und freie Lektorin Angelika Klammer zitiert aus Essays und B\u00fcchern Herta M\u00fcllers, fragt nach, kommentiert. So liest der Leser kein Interview, sondern ist vertieft in ein Gespr\u00e4ch. Dabei antwortet und erkl\u00e4rt Herta M\u00fcller nahezu wie sie schreibt \u2013 ausdrucksstark, nackt, fesselnd.<\/p>\n<p>Aufgewachsen in einem rum\u00e4nischen Dorf pr\u00e4gten harte Arbeit, Religion und Aberglaube, Einsamkeit und Schl\u00e4ge ihre pers\u00f6nliche Entwicklung. Herta M\u00fcllers Mutter war f\u00fcr f\u00fcnf Jahre in einem Arbeitslager deportiert worden. Die Erlebnisse dort hatten Einfluss auf ihr Wesen und auf die Erziehung der Tochter. Herta M\u00fcller erz\u00e4hlt, dass ihre Mutter sie schlug, wenn sie beim Sch\u00e4len einer Kartoffel zu tief hinein schnitt. Nach qualvollem Hunger im Arbeitslager war die Kartoffel der Mutter ihr gr\u00f6\u00dfter Schatz. Sie beschreibt das Wesen der Dorfbewohner. \u00bbIch glaube, in diesem Dorf war \u00fcberall etwas ein bisschen gef\u00e4lscht. Was so dastand wie immer, wie seine \u00f6den dreihundert Jahre, war doch in Wahrheit l\u00e4ngst aus den Angeln gehoben durch die Katastrophen der Geschichte. Die innere Verst\u00f6rung wurde zugedeckt durch \u00e4u\u00dfere Sturheit. Flei\u00df, Sauberkeit, Ausdauer und vor allem dieses Gemisch aus Arroganz und Minderwertigkeitsgef\u00fchl.\u00ab Die empfundene Heuchelei der Dorfbewohner wird in Herta M\u00fcllers ersten Roman \u00bbNiederungen\u00ab thematisiert, wenngleich dies nicht der Grund war, warum sie mit dem Schreiben begann. \u00bbIch hielt mich nicht f\u00fcr eine Schriftstellerin. Ich hatte angefangen zu schreiben, weil mein Vater gestorben war, weil die Schikanen des Geheimdienstes immer unertr\u00e4glicher wurden. Ich musste mich meiner selbst vergewissern, die Ausweglosigkeit um mich herum machte mir so eine Angst.\u00ab<\/p>\n<p>Die Arbeit des rum\u00e4nischen Geheimdienstes <em>Securitate<\/em> ziehen sich durch Herta M\u00fcllers Publikationen wie ein nie enden wollendes Band. Sie hat es sich zum Thema gemacht, zu ihrem pers\u00f6nlichen Thema \u2013 aus der Not geboren, um mit der Angst fertig zu werden. \u00bbNiederungen\u00ab wird zensiert, es erscheint 1982 gek\u00fcrzt und ge\u00e4ndert. Auch die deutsche Ausgabe zwei Jahre sp\u00e4ter im <em>Rotbuch Verlag<\/em> ist stark gek\u00fcrzt worden. Dennoch, Herta M\u00fcllers Buch wird seitens der Intellektuellen f\u00fcr ihre \u00bbinnovative Sprache\u00ab\u00a0gelobt. Es folgen die ersten Literaturpreise im Ausland. Dies bereitet Herta M\u00fcller noch mehr \u00c4rger mit dem Geheimdienst. Sie berichtet, wie sie von der <em>Securitate<\/em> bedr\u00e4ngt wird, f\u00fcr sie als Spitzel zu arbeiten. Aber sie lehnt ab und wird deswegen mit dem Tod bedroht. Es folgen Schikanen. \u00a0Als Dolmetscherin in einer Fabrik muss sie ihr B\u00fcro verlassen und allein auf einer Treppe arbeiten. Es werden Ger\u00fcchte verbreitet. Sie solle f\u00fcr den Geheimdienst arbeiten, Kollegen meiden sie. Herta M\u00fcller ist wieder einsam. \u00bbWenn man verfolgt wird, geh\u00f6ren Angst und Einsamkeit zusammen. Man wird gemieden, die Kollegen weichen einem aus, sie wollen nicht mit einem gesehen werden, aus Angst, dass auch sie ins Visier geraten. Das tut weh, man ist den anderen nicht mehr gut genug. Man wird von oben schikaniert und von unten diskriminiert. Kurz gesagt, je mehr Schikanen, umso mehr Einsamkeit. Ich habe aus Einsamkeit zu schreiben begonnen, es war die zweite gro\u00dfe Einsamkeit.\u00ab<\/p>\n<p>Zudem beschreibt Herta M\u00fcller den Alltag im Sozialismus. Die H\u00e4sslichkeit der forcierten Gleichheit mache apathisch und anspruchslos. Die Folge sei ein schweres Gem\u00fct der Menschen. Sie vergleicht das Dorfleben ihrer Kindheit mit dem Leben in der Stadt und kommt zu dem Schluss: \u00bbSozialismus bedeutet die Austreibung der Sch\u00f6nheit.\u00ab Dieser \u00d6dnis im Alltag begegnet Herta M\u00fcller mit Ablenkung. Sie denkt in Bildern, sie beobachtet und seziert das Beobachtete, schreibt, um nicht dem Wahn zu verfallen. Aus der Fabrik wird Herta M\u00fcller schlie\u00dflich entlassen. Sie gibt Sch\u00fclern Nachhilfestunden, aber der Geheimdienst \u00fcbt Druck auf die Familien aus, sodass Herta M\u00fcller sich st\u00e4ndig neue Jobs suchen muss. Zudem kommen immer wieder Verh\u00f6re, bei denen ihr unterstellt wird, sie sei Prostituierte und w\u00fcrde Schwarzhandel betreiben. \u00bbAlles voller kalter Gef\u00fchle\u00ab wie es hei\u00dft, der Vernehmer hatte seine Macht und sie hatte ihre Angst, und beide hassten sich. Zuletzt arbeitet sie als Deutschlehrerin in einer Schule. Dort wird sie nach ihrer dritten Auslandsreise auch entlassen. Herta M\u00fcllers Lage spitzt sich zu. Zusammen mit Freunden aus dem Schriftstellerkreis <em>Schriftstellervereinigung Adam M\u00fcller-Guttenbrunn<\/em> stellt sie Ausreiseantr\u00e4ge.<\/p>\n<p>1987 kann Herta M\u00fcller zusammen mit ihrem damaligen Mann und ihrer Mutter, der nach Dr\u00e4ngen der <em>Securitate<\/em> ihr Haus aufzugeben dem zustimmt, nach Deutschland ausreisen. Im \u00dcbergangsheim in N\u00fcrnberg wird Herta M\u00fcller vom <em>BND<\/em> der Spionage f\u00fcr die <em>Securitate<\/em> verd\u00e4chtigt und tagelang verh\u00f6rt. Sie ist sich sicher, dass ihre Biografie fingiert wurde und ist entt\u00e4uscht vom <em>BND<\/em>, dass dieser nicht selbst recherchiert hat. Zudem verlangt man von Herta M\u00fcller, dass sie sich entscheidet, ob sie Deutsche sein m\u00f6chte oder eine politisch Verfolgte. Beides ginge nicht, daf\u00fcr hatten sie kein passendes Formular. Im Jahr 2008, zwanzig Jahre nach ihrer Ausreise, kann Herta M\u00fcller ihre Akte lesen bzw. das, was vorhanden ist. Sie ist erleichtert, dass ihre Freundin Jenny erst kurz vor deren Tod sie verraten und niemand aus ihrem Freundeskreis f\u00fcr die <em>Securitate<\/em> gearbeitet hat. Aber das Erlebte lastet schwer und Herta M\u00fcller denkt lange daran, dar\u00fcber zu schreiben. Besonders \u00fcber die Deportation, die sie zwar selbst nicht kannte, aber an der sie in ihrer Kindheit litt. Als sie mit Oskar Pastior zu einer Lesung reist, erkl\u00e4rt dieser sich bereit, \u00fcber seine Deportation und sein \u00dcberleben im Arbeitslager zu berichten. Es entsteht der Roman \u00bbAtemschaukel\u00ab, 2009. Im gleichen Jahr erh\u00e4lt Herta M\u00fcller den Nobelpreis f\u00fcr Literatur.<\/p>\n<p>F\u00fcr Leser, die Herta M\u00fcllers B\u00fccher kennen, ist es sicher interessant, \u00fcber ihre Beweggr\u00fcnde des Schreibens und pers\u00f6nliche Erlebnisse zu erfahren, um die es in ihren B\u00fcchern letztendlich geht. Aber auch Interessierte, die nicht mit Herta M\u00fcllers Werken vertraut sind, dennoch etwas \u00fcber das \u00bbLeben unter Beobachtung\u00ab in Rum\u00e4nien zu <em>Ceau\u0219escu<\/em>-Zeit erfahren m\u00f6chten, empfehle ich dieses Buch.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Unverk\u00e4uflicher Text von Doreen Gehrke. Die Verwendung dieses Textes, ob nun auszugsweise oder in vollem Umfang, ist ohne schriftlicher Zustimmung von Doreen Gehrke urheberrechtswidrig. Auch eine \u00dcbersetzung des Textes sowie die Verwendung in elektronischen Systemen ist strafbar.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/02d5981f6092420a8039d5ee0a7ede8e\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[et_pb_section bb_built=&#8220;1&#8243;][et_pb_row][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243;][et_pb_text _builder_version=&#8220;3.6&#8243; text_font_size=&#8220;14px&#8220; text_orientation=&#8220;justified&#8220; link_text_align=&#8220;justify&#8220; link_text_color=&#8220;#515151&#8243; link_font_size=&#8220;14px&#8220;] \u00bbNein, man hat mich nicht erwischt. Man sah mir \u00fcberhaupt nichts an. Niemandem sah man etwas an. Wenn es drau\u00dfen Nacht wurde, kamen alle zum Nachtessen an den Esstisch. Wir a\u00dfen und niemand fragte den anderen, wie der Tag f\u00fcr ihn war. 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So liest der Leser kein Interview, sondern ist vertieft in ein Gespr\u00e4ch. Dabei antwortet und erkl\u00e4rt Herta M\u00fcller nahezu wie sie schreibt \u2013 ausdrucksstark, nackt, fesselnd. Aufgewachsen in einem rum\u00e4nischen Dorf pr\u00e4gten harte Arbeit, Religion und Aberglaube, Einsamkeit und Schl\u00e4ge ihre pers\u00f6nliche Entwicklung. Herta M\u00fcllers Mutter war f\u00fcr f\u00fcnf Jahre in einem Arbeitslager deportiert worden. Die Erlebnisse dort hatten Einfluss auf ihr Wesen und auf die Erziehung der Tochter. Herta M\u00fcller erz\u00e4hlt, dass ihre Mutter sie schlug, wenn sie beim Sch\u00e4len einer Kartoffel zu tief hinein schnitt. Nach qualvollem Hunger im Arbeitslager war die Kartoffel der Mutter ihr gr\u00f6\u00dfter Schatz. Sie beschreibt das Wesen der Dorfbewohner. \u00bbIch glaube, in diesem Dorf war \u00fcberall etwas ein bisschen gef\u00e4lscht. 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Ich musste mich meiner selbst vergewissern, die Ausweglosigkeit um mich herum machte mir so eine Angst.\u00ab Die Arbeit des rum\u00e4nischen Geheimdienstes <em>Securitate<\/em> ziehen sich durch Herta M\u00fcllers Publikationen wie ein nie enden wollendes Band. Sie hat es sich zum Thema gemacht, zu ihrem pers\u00f6nlichen Thema \u2013 aus der Not geboren, um mit der Angst fertig zu werden. \u00bbNiederungen\u00ab wird zensiert, es erscheint 1982 gek\u00fcrzt und ge\u00e4ndert. Auch die deutsche Ausgabe zwei Jahre sp\u00e4ter im <em>Rotbuch Verlag<\/em> ist stark gek\u00fcrzt worden. Dennoch, Herta M\u00fcllers Buch wird seitens der Intellektuellen f\u00fcr ihre \u00bbinnovative Sprache\u00ab\u00a0gelobt. Es folgen die ersten Literaturpreise im Ausland. Dies bereitet Herta M\u00fcller noch mehr \u00c4rger mit dem Geheimdienst. Sie berichtet, wie sie von der <em>Securitate<\/em> bedr\u00e4ngt wird, f\u00fcr sie als Spitzel zu arbeiten. Aber sie lehnt ab und wird deswegen mit dem Tod bedroht. Es folgen Schikanen. \u00a0Als Dolmetscherin in einer Fabrik muss sie ihr B\u00fcro verlassen und allein auf einer Treppe arbeiten. Es werden Ger\u00fcchte verbreitet. Sie solle f\u00fcr den Geheimdienst arbeiten, Kollegen meiden sie. Herta M\u00fcller ist wieder einsam. \u00bbWenn man verfolgt wird, geh\u00f6ren Angst und Einsamkeit zusammen. Man wird gemieden, die Kollegen weichen einem aus, sie wollen nicht mit einem gesehen werden, aus Angst, dass auch sie ins Visier geraten. Das tut weh, man ist den anderen nicht mehr gut genug. Man wird von oben schikaniert und von unten diskriminiert. Kurz gesagt, je mehr Schikanen, umso mehr Einsamkeit. Ich habe aus Einsamkeit zu schreiben begonnen, es war die zweite gro\u00dfe Einsamkeit.\u00ab Zudem beschreibt Herta M\u00fcller den Alltag im Sozialismus. Die H\u00e4sslichkeit der forcierten Gleichheit mache apathisch und anspruchslos. Die Folge sei ein schweres Gem\u00fct der Menschen. Sie vergleicht das Dorfleben ihrer Kindheit mit dem Leben in der Stadt und kommt zu dem Schluss: \u00bbSozialismus bedeutet die Austreibung der Sch\u00f6nheit.\u00ab Dieser \u00d6dnis im Alltag begegnet Herta M\u00fcller mit Ablenkung. Sie denkt in Bildern, sie beobachtet und seziert das Beobachtete, schreibt, um nicht dem Wahn zu verfallen. Aus der Fabrik wird Herta M\u00fcller schlie\u00dflich entlassen. Sie gibt Sch\u00fclern Nachhilfestunden, aber der Geheimdienst \u00fcbt Druck auf die Familien aus, sodass Herta M\u00fcller sich st\u00e4ndig neue Jobs suchen muss. Zudem kommen immer wieder Verh\u00f6re, bei denen ihr unterstellt wird, sie sei Prostituierte und w\u00fcrde Schwarzhandel betreiben. \u00bbAlles voller kalter Gef\u00fchle\u00ab wie es hei\u00dft, der Vernehmer hatte seine Macht und sie hatte ihre Angst, und beide hassten sich. Zuletzt arbeitet sie als Deutschlehrerin in einer Schule. Dort wird sie nach ihrer dritten Auslandsreise auch entlassen. Herta M\u00fcllers Lage spitzt sich zu. Zusammen mit Freunden aus dem Schriftstellerkreis <em>Schriftstellervereinigung Adam M\u00fcller-Guttenbrunn<\/em> stellt sie Ausreiseantr\u00e4ge. 1987 kann Herta M\u00fcller zusammen mit ihrem damaligen Mann und ihrer Mutter, der nach Dr\u00e4ngen der <em>Securitate<\/em> ihr Haus aufzugeben dem zustimmt, nach Deutschland ausreisen. Im \u00dcbergangsheim in N\u00fcrnberg wird Herta M\u00fcller vom <em>BND<\/em> der Spionage f\u00fcr die <em>Securitate<\/em> verd\u00e4chtigt und tagelang verh\u00f6rt. Sie ist sich sicher, dass ihre Biografie fingiert wurde und ist entt\u00e4uscht vom <em>BND<\/em>, dass dieser nicht selbst recherchiert hat. Zudem verlangt man von Herta M\u00fcller, dass sie sich entscheidet, ob sie Deutsche sein m\u00f6chte oder eine politisch Verfolgte. Beides ginge nicht, daf\u00fcr hatten sie kein passendes Formular. Im Jahr 2008, zwanzig Jahre nach ihrer Ausreise, kann Herta M\u00fcller ihre Akte lesen bzw. das, was vorhanden ist. Sie ist erleichtert, dass ihre Freundin Jenny erst kurz vor deren Tod sie verraten und niemand aus ihrem Freundeskreis f\u00fcr die <em>Securitate<\/em> gearbeitet hat. Aber das Erlebte lastet schwer und Herta M\u00fcller denkt lange daran, dar\u00fcber zu schreiben. Besonders \u00fcber die Deportation, die sie zwar selbst nicht kannte, aber an der sie in ihrer Kindheit litt. Als sie mit Oskar Pastior zu einer Lesung reist, erkl\u00e4rt dieser sich bereit, \u00fcber seine Deportation und sein \u00dcberleben im Arbeitslager zu berichten. Es entsteht der Roman \u00bbAtemschaukel\u00ab, 2009. Im gleichen Jahr erh\u00e4lt Herta M\u00fcller den Nobelpreis f\u00fcr Literatur. F\u00fcr Leser, die Herta M\u00fcllers B\u00fccher kennen, ist es sicher interessant, \u00fcber ihre Beweggr\u00fcnde des Schreibens und pers\u00f6nliche Erlebnisse zu erfahren, um die es in ihren B\u00fcchern letztendlich geht. Aber auch Interessierte, die nicht mit Herta M\u00fcllers Werken vertraut sind, dennoch etwas \u00fcber das \u00bbLeben unter Beobachtung\u00ab in Rum\u00e4nien zu <em>Ceau\u0219escu<\/em>-Zeit erfahren m\u00f6chten, empfehle ich dieses Buch.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>Unverk\u00e4uflicher Text von Doreen Gehrke. Die Verwendung dieses Textes, ob nun auszugsweise oder in vollem Umfang, ist ohne schriftlicher Zustimmung von Doreen Gehrke urheberrechtswidrig. 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