{"id":574,"date":"2018-03-27T11:28:42","date_gmt":"2018-03-27T10:28:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.doreen-gehrke-verlag.de\/?p=574"},"modified":"2020-07-10T16:28:49","modified_gmt":"2020-07-10T14:28:49","slug":"keine-ahnung-warum-ich-ohne-scheuklappen-durchs-leben-gehe-meine-erlebnisse-in-dreissig-minuten-zivilisation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.doreen-gehrke-verlag.de\/?p=574","title":{"rendered":"Keine Ahnung, warum ich ohne Scheuklappen durchs Leben gehe \u2013 Meine Erlebnisse in drei\u00dfig Minuten Zivilisation"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; _builder_version=&#8220;3.22&#8243;][et_pb_row _builder_version=&#8220;3.25&#8243; background_size=&#8220;initial&#8220; background_position=&#8220;top_left&#8220; background_repeat=&#8220;repeat&#8220;][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243; _builder_version=&#8220;3.25&#8243; custom_padding=&#8220;|||&#8220; custom_padding__hover=&#8220;|||&#8220;][et_pb_text _builder_version=&#8220;3.27.4&#8243; link_text_color=&#8220;#515151&#8243; text_orientation=&#8220;justified&#8220;]<\/p>\n<p>Schon so oft h\u00f6rte ich die Worte: \u00bbNa, dann schreib es doch auf, schreib es doch auf &#8230;\u00ab Und jedes Mal, wenn mir wieder etwas auffiel, von dem ich wusste, dass es mich tagelang besch\u00e4ftigen w\u00fcrde, dachte ich sie, diese Worte. Sie erscheinen mir vor meinem geistigen Auge, kleben an mir wie mein Schatten. Sie schlafen mit mir ein und wachen mit mir auf. Aber wenn ich nun immer aufschriebe, was mir auffiele &#8230;? So h\u00e4tte ich wohl kaum zu etwas anderem noch Zeit. Ich m\u00fcsste mich verstecken, weit weg von der Zivilisation und fern in der Wildnis. Dort w\u00fcrde ich auch schreiben, sicher w\u00fcrde ich das. Doch w\u00e4ren es andere Worte, die sich aneinanderreihten. Worte der Farben und Elemente, das Ger\u00e4usch der Stille \u2013 man k\u00f6nnte mal in Ruhe nachdenken. Zumindest stelle ich es mir so vor &#8230; nur muss ich jetzt schon wieder an das denken, was ich gerade erlebt habe. Und ich bilde mir ein, dass wenn ich erst mal meine Dosis t\u00e4glicher Zivilisation niedergeschrieben habe, ich mich dann auf meine Wunschgedanken konzentrieren kann. Hier jetzt also mein Versuch, schlechte Gedanken loszuwerden.<\/p>\n<p>Es ist Samstag im April des Jahres 2016. Gegen 12.30 Uhr verlasse ich meine Wohnung und habe nichts weiter vor, als nach meinem Postfach im <em>Marktplatz Center<\/em> zu sehen. Da ich mich etwas bewegen m\u00f6chte, mache ich einen kleinen Umweg und gehe in Richtung des <em>Fritz Reuter Hauses<\/em> die Pfaffenstra\u00dfe entlang. Es ist ein warmer Tag im April, und ich genie\u00dfe die Sonnenstrahlen. Eine Familie steht vor dem <em>Fritz Reuter Haus<\/em> und bestaunt den Wetterhahn oben auf dem Dach. Er dreht sich mit dem Wind und quietscht ein bisschen. Ich versuche zu erkennen, ob er golden gl\u00e4nzt oder vielleicht sogar bunt bemalt ist. Manchmal lassen sich die Leute ja was einfallen. Wie die Familie schaue ich hoch zum Dach, muss aber pl\u00f6tzlich in Richtung Tattoo Gesch\u00e4ft gegen\u00fcber gucken, weil von dort lautes Gerede zu h\u00f6ren ist. Die Familie erschreckt sich wie ich und schaut interessiert dorthin. Wahrscheinlich stellen wir uns die gleiche Frage &#8211; Was haben die denn nur? Die zwei Kinder, offenbar Immigranten, reden laut und gestikulieren so wild wie Erwachsene, die sich \u00fcber irgendetwas echauffieren. Dabei sind sie so sehr in ihr Gespr\u00e4ch vertieft, dass sie nicht mitkriegen, wie seltsam ihr Verhalten auf die Familie wirkt. Vermutlich sind es Touristen, denke ich und gehe weiter.<\/p>\n<p>Vielleicht hat die Familie nicht damit gerechnet, auch in Neubrandenburg auf Immigranten zu treffen. Neubrandenburg ist ja schlie\u00dflich nicht Rostock oder Schwerin. Aber seit letztem Sommer sehe ich t\u00e4glich Immigranten und oft gef\u00e4llt mir nicht, was ich sehe. Zudem wei\u00df ich, dass ich nicht die Einzige bin, die so denkt. Denn auch das sehe ich.<\/p>\n<p>An der Konzertkirche vorbei gehe ich weiter, bis ich in die D\u00fcmperstra\u00dfe Richtung <em>Marktplatz Center<\/em> einbiege. In diesem Moment treffe ich auf zwei Immigranten, junge M\u00e4nner, die mit T\u00fcten vom <em>Media Markt<\/em> und <em>Deichmann<\/em> gerade von dort gekommen sein mussten. Sie verstummen, als sie verstehen, dass ich mir meine H\u00e4lfte Fu\u00dfg\u00e4ngerweg nicht streitig mache.<\/p>\n<p>Bevor ich einem Mann, dem ich ansehe, dass er mein Geschlecht f\u00fcr weniger Wert h\u00e4lt, Platz mache, muss aber noch ganz viel geschehen! Seit letztem Sommer habe ich so viel frauenfeindliches Verhalten gesehen und auch selbst erlebt &#8230; ich sollte mal ein Buch dar\u00fcber schreiben.<\/p>\n<p>Ich gehe weiter und h\u00f6re noch, wie beide M\u00e4nner \u00fcber mich reden. Ich wei\u00df nicht, was sie sagen, denn ich spreche kein Arabisch. Aber ich wei\u00df, dass sie \u00fcber mich reden, denn sie sehen mich dabei an, bevor sie ihren Blick abwenden und in die andere Richtung weitergehen.<\/p>\n<p>Minuten sp\u00e4ter erreiche ich das <em>Marktplatz Center<\/em>, Dreht\u00fcr Eingang S\u00fcd. Sofort f\u00e4llt mir eine \u00e4ltere Frau auf, die mit ihrem Enkel (oder Sohn, ?) wie ich Richtung <em>Post<\/em> geht. Sie verschwinden aus meinem Sichtfeld, als ich mein Postfach \u00f6ffne. Doch pl\u00f6tzlich zucke ich zusammen, als ich sie das Kind anschreien h\u00f6re und ich schaue zum Geldautomat. In diesem Moment schl\u00e4gt die Frau dem Jungen ins Gesicht \u2013 ein richtiger Klatscher auf die Wange. Ich bin fassungslos und schaue mich um, ob noch jemand anderes so schockiert ist wie ich. Aber ich kann niemanden ausmachen \u2013 die Leute sind mit sich selbst besch\u00e4ftigt oder hatten vielleicht nur kurz registriert, was am Geldautomat vorgefallen ist und sind dann weitergegangen.<\/p>\n<p>Ich schlie\u00dfe mein Postfach ab und gehe auf die Frau zu. Als ich vor ihr stehe, schaut sie mich ganz erschrocken an. Offensichtlich hat sie nicht damit gerechnet, dass jemand sie auf ihr Verhalten anspricht. Ich m\u00f6chte von der Frau wissen, ob es denn unbedingt n\u00f6tig war, den Jungen zu schlagen. Sie antwortet, er br\u00e4uchte das, anders verst\u00fcnde er es nicht. Verst\u00fcnde \u00bbwas\u00ab nicht, frage ich mich und frage die Frau, ob nicht fortw\u00e4hrend gutes Zureden besser w\u00e4re. Der Junge heult und steht hinter ihr. Versteckt sich geradezu vor mir. Das finde ich seltsam, und ich frage mich, ob der Junge regelm\u00e4\u00dfig geschlagen wird und bereits denkt, es l\u00e4ge tats\u00e4chlich an ihm, wenn sich schon jemand Fremdes einmischt. Die Frau jedenfalls sch\u00fcttelt mit dem Kopf und beteuert, schon alles versucht zu haben, aber nichts w\u00fcrde helfen. Ich sehe, wie sich ihre Augen r\u00f6ten und verstehe, dass die Frau verzweifelt ist. Darauf wei\u00df ich dann auch nichts mehr und wende mich von der Frau ab.<\/p>\n<p>Ich sp\u00fcre meine Nase kitzeln und versuche, mich abzulenken, indem ich mir vorstelle, wie ich in den n\u00e4chsten Minuten im Zeitschriftengesch\u00e4ft nach der aktuellen Ausgabe von <em>Der Spiegel<\/em> suchen werde. Auf dem Weg dorthin treffe ich auf eine afrikanische Muslima, die mit einer Hand einen Kinderwagen vor sich herschiebt und mit der anderen versucht, ihr Kind davon abzuhalten zum Springbrunnen zu laufen. Damit Mutter und Kind gen\u00fcgend Platz haben, um miteinander zu k\u00e4mpfen, weiche ich aus und nehme einen kleinen Umweg in Kauf \u2013 so wie es sich in so einer Situation geh\u00f6rt, zumindest habe ich das mal so gelernt. Noch ganz in Gedanken \u00fcber die Frau mit dem Kind am Geldautomat laufe ich im Zeitschriftengesch\u00e4ft auch gleich bis nach ganz hinten durch. Dort frage ich mich, was ich \u00fcberhaupt noch mal wollte und muss erst mal meine Gedanken sortieren.<\/p>\n<p>Wieder Minuten sp\u00e4ter bin ich mit meiner Zeitschrift in der Tasche unterwegs zum <em>Edeka<\/em>, denn ich habe vor, mir auf den Schreck mit dem Wangenklatscher, ein Eis zu g\u00f6nnen. Als ich vor der Eisvitrine stehe, frage ich mich wieder, was ich \u00fcberhaupt noch mal wollte. Dann mache ich einen Fehler \u2013 ich schaue nach links zu dem Schatten, der mich seit ein paar Sekunden beobachtet. Man merkt ja, ob man angestarrt wird. Dieses Mal ist es einer, dem sogar der Mund offen steht, weil er wahrscheinlich bis dato blonde Frauen nur aus dem Fernsehen her kannte. Ich fl\u00fcchte rechts um die Eisvitrine und tue so, als ob ich dort das passende Eis f\u00fcr mich finden w\u00fcrde. Tats\u00e4chlich frage ich mich, ob die Schlangen an den Kassen lang oder kurz sind. F\u00fcr den Fall, der Typ w\u00fcrde mir bis zur Kasse folgen, w\u00e4re es nat\u00fcrlich besser, wenn ich nicht so lange warten m\u00fcsste. Aber dieser Gedanke war Zeitverschwendung, denn der Mann steht pl\u00f6tzlich neben mir.<\/p>\n<p>Sicher k\u00f6nnte ich darauf hinweisen, dass ich mich bel\u00e4stigt f\u00fchle. Aber dann h\u00e4tte er ja das bekommen, was er wollte \u2013 Kontakt. Fairerweise sollte ich hier klarstellen, dass ich generell nicht auf solch plumpe \u00bbKennenlernversuche\u00ab anspringe, selbst nicht von Deutschen, mit oder ohne Migrationshintergrund. Nur haben dieser Art Bel\u00e4stigungen in letzter Zeit extrem zugenommen und sie gehen mir unglaublich auf die Nerven. Mal ehrlich, man sieht doch, wie man vom <em>Kulturpark<\/em> nach <em>Downtown<\/em> kommt. F\u00fcr etwas anderes als \u00bbYou know how to come to downtown, baby!\u00ab bin ich da nicht bereit.<\/p>\n<p>Eilig bahne ich mir einen Weg raus aus dem <em>Edeka<\/em> \u2013 zwei Kassen ge\u00f6ffnet, zur Mittagszeit an einem Samstag. \u00bbEntschuldigen Sie bitte. &#8230; D\u00fcrfte ich vorbei? &#8230; Entschuldigung? &#8230; Danke. &#8230; Entschuldigung. &#8230; Vielen Dank.\u00ab Ich gehe Richtung Osteingang zum Marktplatz und mir f\u00e4llt auf, dass an diesem Tag eigentlich gar nicht so viele Immigranten im <em>Marktplatz Center<\/em> sind. Manchmal kommt man sich ja vor wie ein Affe im Zoo, so beobachtet wie man sich f\u00fchlt. Oder wie es der Schriftsteller <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-142149879.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Abbas Khider im <em>Spiegel<\/em><\/a> erkl\u00e4rt: \u00bb&#8230; In \u00bbOhrfeige\u00ab vertreiben sich die Fl\u00fcchtlinge die Zeit in einem Einkaufszentrum, sie sind Zuschauer des Lebens der Deutschen: \u203aZu gern wollten wir sein wie sie. Einkaufen, im Caf\u00e9 sitzen, Getr\u00e4nke bestellen und mit einer der vielen jungen Kellnerinnen plaudern. Aber wie sollte das gehen? Wir standen mittendrin, und doch waren wir meilenweit von alldem entfernt. Die Einheimischen gingen shoppen, wir w\u00e4rmten uns am ihren Leben.\u2039\u00ab<\/p>\n<p>Drau\u00dfen auf dem Marktplatz ist der <em>Gr\u00fcne Markt<\/em> zugegen. Fr\u00fchlingsblumen, frisches Gem\u00fcse und ger\u00e4ucherter Fisch. Herrlich \u2013 alles Produkte aus der Region. W\u00e4re da nicht auf einmal dieser d\u00e4mliche Spruch: \u00bbBuongiorno, signora.\u00ab Ich rede mir ein, dass eine andere Frau als ich gemeint ist und stelle mir vor, wie unz\u00e4hlige Italienerinnen mit mir den Marktplatz Richtung Turmstra\u00dfe verlassen. Kurz vorm Zebrastreifen drehe ich mich um 90 Grad direkt gen <em>New Brand &#8217;n&#8216; Burger<\/em> und kaufe mir dort einen Burger, statt wie zuvor geplant Eiscreme. Warum? Weil ich beim Verlassen des Marktplatzes auf einmal in zwei finster blickende Mienen \u00e4lterer Immigranten schaue, die ich in der Turmstra\u00dfe nicht hinter mir haben m\u00f6chte. Ich finde, einigen Immigranten sieht man einfach an, wie wenig sie vom Lebens(Kleidungs-)stil westlicher Frauen halten.<\/p>\n<p>Keine Ahnung, wie lange ich mir das noch gefallen lassen werde. Ich wei\u00df nur, dass bei zu vielen Zugest\u00e4ndnissen Frauen immer weiter separiert werden. Da kann man doch nur Feministin sein!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unverk\u00e4uflicher Text von Doreen Gehrke. Die Verwendung dieses Textes, ob nun auszugsweise oder in vollem Umfang, ist ohne schriftlicher Zustimmung von Doreen Gehrke urheberrechtswidrig. Auch eine \u00dcbersetzung des Textes sowie die Verwendung in elektronischen Systemen ist strafbar.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/a0c6151e01f7475499a3467f68b36c02\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" style=\"font-size: 14px;\" \/><\/p>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_button button_text=&#8220;Zur\u00fcck&#8220; _builder_version=&#8220;4.5.0&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; button_url=&#8220;https:\/\/www.doreen-gehrke-verlag.de\/?page_id=340&#8243; button_alignment=&#8220;left&#8220; custom_button=&#8220;on&#8220; button_text_color=&#8220;#000000&#8243; button_border_color=&#8220;#000000&#8243; box_shadow_style=&#8220;preset6&#8243; hover_enabled=&#8220;0&#8243;][\/et_pb_button][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; _builder_version=&#8220;3.22&#8243;][et_pb_row _builder_version=&#8220;3.25&#8243; background_size=&#8220;initial&#8220; background_position=&#8220;top_left&#8220; background_repeat=&#8220;repeat&#8220;][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243; _builder_version=&#8220;3.25&#8243; custom_padding=&#8220;|||&#8220; custom_padding__hover=&#8220;|||&#8220;][et_pb_text _builder_version=&#8220;3.27.4&#8243; link_text_color=&#8220;#515151&#8243; text_orientation=&#8220;justified&#8220;] Schon so oft h\u00f6rte ich die Worte: \u00bbNa, dann schreib es doch auf, schreib es doch auf &#8230;\u00ab Und jedes Mal, wenn mir wieder etwas auffiel, von dem ich wusste, dass es mich tagelang besch\u00e4ftigen w\u00fcrde, dachte ich sie, diese Worte. 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Worte der Farben und Elemente, das Ger\u00e4usch der Stille \u2013 man k\u00f6nnte mal in Ruhe nachdenken. Zumindest stelle ich es mir so vor ... nur muss ich jetzt schon wieder an das denken, was ich gerade erlebt habe. Und ich bilde mir ein, dass wenn ich erst mal meine Dosis t\u00e4glicher Zivilisation niedergeschrieben habe, ich mich dann auf meine Wunschgedanken konzentrieren kann. Hier jetzt also mein Versuch, schlechte Gedanken loszuwerden.\r\n\r\nEs ist Samstag. Gegen 12.30 Uhr verlasse ich meine Wohnung und habe nichts weiter vor, als nach meinem Postfach im Marktplatz Center zu sehen. Da ich mich etwas bewegen m\u00f6chte, mache ich einen kleinen Umweg und gehe in Richtung des Fritz Reuter Hauses die Pfaffenstra\u00dfe entlang. Es ist ein warmer Tag im April, und ich genie\u00dfe die Sonnenstrahlen. Eine Familie steht vor dem Fritz Reuter Haus und bestaunt den Wetterhahn oben auf dem Dach. Er dreht sich mit dem Wind und quietscht ein bisschen. Ich versuche zu erkennen, ob er golden gl\u00e4nzt oder vielleicht sogar bunt bemalt ist. Manchmal lassen sich die Leute ja was einfallen. Wie die Familie schaue ich hoch zum Dach, muss aber pl\u00f6tzlich in Richtung Tattoo Gesch\u00e4ft gegen\u00fcber gucken, weil von dort lautes Gerede zu h\u00f6ren ist. Die Familie erschreckt sich wie ich und schaut interessiert dorthin. Wahrscheinlich stellen wir uns die gleiche Frage - Was haben die denn nur? Die zwei Kinder, offenbar Immigranten, reden laut und gestikulieren so wild wie Erwachsene, die sich \u00fcber irgendetwas echauffieren. Dabei sind sie so sehr in ihr Gespr\u00e4ch vertieft, dass sie nicht mitkriegen, wie seltsam ihr Verhalten auf die Familie wirkt. Vermutlich sind es Touristen, denke ich und gehe weiter.\r\n\r\nVielleicht hat die Familie nicht damit gerechnet, auch in Neubrandenburg auf Immigranten zu treffen. Neubrandenburg ist ja schlie\u00dflich nicht Rostock oder Schwerin. 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Ich wei\u00df nicht, was sie sagen, denn ich spreche kein Arabisch. Aber ich wei\u00df, dass sie \u00fcber mich reden, denn sie sehen mich dabei an, bevor sie ihren Blick abwenden und in die andere Richtung weitergehen.\r\n\r\nMinuten sp\u00e4ter erreiche ich das Marktplatz Center, Dreht\u00fcr Eingang S\u00fcd. Sofort f\u00e4llt mir eine \u00e4ltere Frau auf, die mit ihrem Enkel (?) wie ich Richtung Post geht. Sie verschwinden aus meinem Sichtfeld, als ich mein Postfach \u00f6ffne. Doch pl\u00f6tzlich zucke ich zusammen, als ich sie das Kind anschreien h\u00f6re und ich schaue zum Geldautomat. In diesem Moment schl\u00e4gt die Frau dem Jungen ins Gesicht \u2013 ein richtiger Klatscher auf die Wange. Ich bin fassungslos und schaue mich um, ob noch jemand anderes so schockiert ist wie ich. Aber ich kann niemanden ausmachen \u2013 die Leute sind mit sich selbst besch\u00e4ftigt oder hatten vielleicht nur kurz registriert, was am Geldautomat vorgefallen ist und sind dann weitergegangen.\r\n\r\nIch schlie\u00dfe mein Postfach ab und gehe auf die Frau zu. Als ich vor ihr stehe, schaut sie mich ganz erschrocken an. Offensichtlich hat sie nicht damit gerechnet, dass jemand sie auf ihr Verhalten anspricht. Ich m\u00f6chte von der Frau wissen, ob es denn unbedingt n\u00f6tig war, den Jungen zu schlagen. Sie antwortet, er br\u00e4uchte das, anders verst\u00fcnde er es nicht. Verst\u00fcnde \u00bbwas\u00ab nicht, frage ich mich und frage die Frau, ob nicht fortw\u00e4hrend gutes Zureden besser w\u00e4re. Der Junge heult und steht hinter ihr. Versteckt sich geradezu vor mir. Das finde ich seltsam und ich frage mich, ob der Junge regelm\u00e4\u00dfig geschlagen wird und bereits denkt, es l\u00e4ge tats\u00e4chlich an ihm, wenn sich schon jemand Fremdes einmischt. Die Frau jedenfalls sch\u00fcttelt mit dem Kopf und beteuert, schon alles versucht zu haben, aber nichts w\u00fcrde helfen. Ich sehe, wie sich ihre Augen r\u00f6ten und verstehe, dass die Frau verzweifelt ist. Darauf wei\u00df ich dann auch nichts mehr und wende mich von der Frau ab.\r\n\r\nIch sp\u00fcre meine Nase kitzeln und versuche, mich abzulenken, indem ich mir vorstelle, wie ich in den n\u00e4chsten Minuten im Zeitschriftengesch\u00e4ft nach der aktuellen Ausgabe von Der Spiegel suchen werde. Auf dem Weg dorthin treffe ich auf eine afrikanische Muslima, die mit einer Hand einen Kinderwagen vor sich herschiebt und mit der anderen versucht, ihr Kind davon abzuhalten zum Springbrunnen zu laufen. Damit Mutter und Kind gen\u00fcgend Platz haben, um miteinander zu k\u00e4mpfen, weiche ich aus und nehme einen kleinen Umweg in Kauf \u2013 so wie es sich in so einer Situation geh\u00f6rt, zumindest habe ich das mal so gelernt. Noch ganz in Gedanken \u00fcber die Frau mit dem Kind am Geldautomat laufe ich im Zeitschriftengesch\u00e4ft auch gleich bis nach ganz hinten durch. Dort frage ich mich, was ich \u00fcberhaupt noch mal wollte und muss erst mal meine Gedanken sortieren.\r\n\r\nWieder Minuten sp\u00e4ter bin ich mit meiner Zeitschrift in der Tasche unterwegs zum Edeka, denn ich habe vor, mir auf den Schreck mit dem Wangenklatscher, ein Eis zu g\u00f6nnen. Als ich vor der Eisvitrine stehe, frage ich mich wieder, was ich \u00fcberhaupt noch mal wollte. Dann mache ich einen Fehler \u2013 ich schaue nach links zu dem Schatten, der mich seit ein paar Sekunden beobachtet. Man merkt ja, ob man angestarrt wird. Dieses Mal ist es einer, dem sogar der Mund offen steht, weil er wahrscheinlich bis dato blonde Frauen nur aus dem Fernsehen her kannte. Ich fl\u00fcchte rechts um die Eisvitrine und tue so, als ob ich dort das passende Eis f\u00fcr mich finden w\u00fcrde. Tats\u00e4chlich frage ich mich, ob die Schlangen an den Kassen lang oder kurz sind. F\u00fcr den Fall, der Typ w\u00fcrde mir bis zur Kasse folgen, w\u00e4re es nat\u00fcrlich besser, wenn ich nicht so lange warten m\u00fcsste. Aber dieser Gedanke war Zeitverschwendung, denn der Mann steht pl\u00f6tzlich neben mir.\r\n\r\nSicher k\u00f6nnte ich darauf hinweisen, dass ich mich bel\u00e4stigt f\u00fchle. Aber dann h\u00e4tte er ja das bekommen, was er wollte \u2013 Kontakt. Fairerweise sollte ich hier klarstellen, dass ich generell nicht auf solch plumpe \u00bbKennenlernversuche\u00ab anspringe, selbst nicht von Deutschen, mit oder ohne Migrationshintergrund. Nur haben dieser Art Bel\u00e4stigungen in letzter Zeit extrem zugenommen und sie gehen mir unglaublich auf die Nerven. Mal ehrlich, man sieht doch, wie man vom Kulturpark nach Downtown kommt. F\u00fcr etwas anderes als \u00bbYou know how to come to downtown, baby!\u00ab bin ich da nicht bereit.\r\n\r\nEilig bahne ich mir einen Weg raus aus dem Edeka \u2013 zwei Kassen ge\u00f6ffnet, zur Mittagszeit an einem Samstag. \u00bbEntschuldigen Sie bitte. ... D\u00fcrfte ich vorbei? ... Entschuldigung? ... Danke. ... Entschuldigung. ... Vielen Dank.\u00ab Ich gehe Richtung Osteingang zum Marktplatz und mir f\u00e4llt auf, dass an diesem Tag eigentlich gar nicht so viele Immigranten im Marktplatz Center sind. Manchmal kommt man sich ja vor wie ein Affe im Zoo, so beobachtet wie man sich f\u00fchlt. Oder wie es der Schriftsteller Abbas Khider im Spiegel erkl\u00e4rt: \u00bb... In \u00bbOhrfeige\u00ab vertreiben sich die Fl\u00fcchtlinge die Zeit in einem Einkaufszentrum, sie sind Zuschauer des Lebens der Deutschen: \u203aZu gern wollten wir sein wie sie. Einkaufen, im Caf\u00e9 sitzen, Getr\u00e4nke bestellen und mit einer der vielen jungen Kellnerinnen plaudern. Aber wie sollte das gehen? Wir standen mittendrin, und doch waren wir meilenweit von alldem entfernt. Die Einheimischen gingen shoppen, wir w\u00e4rmten uns am ihren Leben.\u2039\u00ab\r\n\r\nDrau\u00dfen auf dem Marktplatz ist der Gr\u00fcne Markt zugegen. Fr\u00fchlingsblumen, frisches Gem\u00fcse und ger\u00e4ucherter Fisch. Herrlich \u2013 alles Produkte aus der Region. W\u00e4re da nicht auf einmal dieser d\u00e4mliche Spruch: \u00bbBuongiorno, signora.\u00ab Ich rede mir ein, dass eine andere Frau als ich gemeint ist und stelle mir vor, wie unz\u00e4hlige Italienerinnen mit mir den Marktplatz Richtung Turmstra\u00dfe verlassen. Kurz vorm Zebrastreifen drehe ich mich um 90 Grad direkt gen New Brand 'n' Burger und kaufe mir dort einen Burger, statt wie zuvor geplant Eiscreme. Warum? Weil ich beim Verlassen des Marktplatzes auf einmal in zwei finster blickende Mienen \u00e4lterer Immigranten schaue, die ich in der Turmstra\u00dfe nicht hinter mir haben m\u00f6chte. Ich finde, einigen Immigranten sieht man einfach an, wie wenig sie vom Lebens(Kleidungs-)stil westlicher Frauen halten.\r\n\r\nKeine Ahnung, wie lange ich mir das noch gefallen lassen werde. Ich wei\u00df nur, dass bei zu vielen Zugest\u00e4ndnissen Frauen immer weiter separiert werden. Da kann man doch nur Feministin sein!\r\n\r\nUnverk\u00e4uflicher Text von Doreen Gehrke. Die Verwendung dieses Textes, ob nun auszugsweise oder in vollem Umfang, ist ohne schriftlicher Zustimmung von Doreen Gehrke urheberrechtswidrig. Auch eine \u00dcbersetzung des Textes sowie die Verwendung in elektronischen Systemen ist strafbar.\r\n\r\n<img src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/a0c6151e01f7475499a3467f68b36c02\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\">","_et_gb_content_width":"","jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":false,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2}},"categories":[42],"tags":[49],"class_list":["post-574","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte","tag-texte"],"acf":[],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9Ec4h-9g","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.doreen-gehrke-verlag.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/574","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.doreen-gehrke-verlag.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.doreen-gehrke-verlag.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.doreen-gehrke-verlag.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.doreen-gehrke-verlag.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=574"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.doreen-gehrke-verlag.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/574\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4513,"href":"https:\/\/www.doreen-gehrke-verlag.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/574\/revisions\/4513"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.doreen-gehrke-verlag.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=574"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.doreen-gehrke-verlag.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=574"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.doreen-gehrke-verlag.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=574"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}