{"id":1186,"date":"2018-08-19T11:04:40","date_gmt":"2018-08-19T10:04:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.doreen-gehrke-verlag.de\/?p=1186"},"modified":"2018-11-11T17:16:34","modified_gmt":"2018-11-11T15:16:34","slug":"an-einem-sonnigen-montag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.doreen-gehrke-verlag.de\/?p=1186","title":{"rendered":"An einem sonnigen Montag"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section bb_built=&#8220;1&#8243;][et_pb_row][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243;][et_pb_text _builder_version=&#8220;3.12.1&#8243; text_font_size=&#8220;14px&#8220; text_orientation=&#8220;justified&#8220; link_text_align=&#8220;justify&#8220; link_text_color=&#8220;#515151&#8243; link_font_size=&#8220;14px&#8220;]<\/p>\n<p>Noch ein paar Minuten. Noch ein paar Minuten und ein paar Sekunden, ein paar zerquetschte. Noch ein paar Minuten und ein paar zerquetschte Sekunden und dann kann Ulla endlich aufstehen. Sie k\u00f6nnte auch schon fr\u00fcher aufstehen. Durchaus k\u00f6nnte sie das. Wer w\u00fcrde sie denn sehen? Im Morgenmantel oder nicht im Morgenmantel und nur im Nachthemd. Wie Ulla durch ihre Wohnung tigert, wie sie durch die Fensterscheiben auf die Stra\u00dfe und in andere Wohnungen guckt. Wer w\u00fcrde sie denn sehen? Niemand. Und doch bleibt sie liegen, trommelt mit den Fingern auf der Bettdecke \u00fcber ihrer Brust und \u00fcberlegt. Ulla \u00fcberlegt viel und eigentlich pausenlos. Was mache ich heute? Oder anders: Wie sieht heute der Tagesablauf aus? Oder gleich ganz direkt: Wie kriege ich den Tag am besten \u00fcber die B\u00fchne?<\/p>\n<p>Langeweile ist schlimmer als das Alleinsein. Ulla wohnt allein und gerne allein. Mit jemanden zusammenleben? Nicht, wenn Ulla es nicht m\u00f6chte. Noch drei Stunden und ein paar Minuten und ein paar Sekunden, ein paar zerquetschte. Also drei Stunden, ein paar Minuten und ein paar zerquetschte Sekunden bis Ulla ihre Freundin Christel zum Fr\u00fchst\u00fcck trifft. P\u00fcnktlich um 8.00 Uhr, Tisch Nr. 5 in der hinteren linken Ecke in ihrem Lieblings-Caf\u00e9 <em>Zum Marktplatz<\/em>. Von dort aus hat man alles im Blick. Das kleine Fr\u00fchst\u00fcck, manchmal eine zweite Tasse Filterkaffee, nicht l\u00e4nger als eine Dreiviertelstunde. Das muss reichen. Mehr Zeit kann Ulla ihrer Christel nicht schenken. Seit jeher versucht sie der Christel klarzumachen, wie sehr sie in ihren Aufgaben und Unternehmungen eingespannt ist. Ganz offensichtlich will Ullas Freundin das nicht verstehen, wenn sie Ulla vorwirft, als Rentnerin doch gen\u00fcgend Zeit f\u00fcr sie haben zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Das Trommeln mit den Fingern auf Ullas Bettdecke wird lauter und schneller, bis es nach ein paar Minuten und ein paar zerquetschten Sekunden verstummt. Endlich. Die Bettdecke wird zur Seite geworfen, der Oberk\u00f6rper aufgerichtet und der Wecker ausgeschaltet. Es ist 5.00 Uhr an einem Morgen an einem sonnigen Tag im Sommer. Ulla mag den Sommer. W\u00e4re es Winter, w\u00fcrde Ulla noch im Bett liegen, mit ihren Fingern auf der Bettdecke trommeln und zur Decke starren oder zum Fenster. Aber es ist Sommer und Ulla hat gute Laune. Da macht es ihr nur wenig aus, bis etwa 6.00 Uhr zu warten, um dann mit ihrer noch am Abend zuvor gewaschenen W\u00e4sche die Wohnung zu verlassen und zum W\u00e4scheplatz zu gehen, um dort als Erste, W\u00e4sche aufh\u00e4ngen zu k\u00f6nnen. Und wehe wenn nicht! Sonst ist Ullas gute Laune ganz schnell hin, an diesem Morgen an einem sonnigen Tag im Sommer.<\/p>\n<p>Gl\u00fcck gehabt. Zur\u00fcck in ihrer Wohnung nutzt Ulla die Zeit bis zum Fr\u00fchst\u00fcck mit Hausarbeit, etwa eine Stunde und 15 Minuten. Sie mag es sauber und gepflegt. Besucher sollen nicht denken, sie lebe in einem Schweinestall. Aber Ulla mag keinen Besuch. Zu zeitaufwendig. Man wei\u00df nie, wann er wieder geht, der Besuch, den Ulla nicht mag und der Besuch Ulla vielleicht auch nicht. Wer kann das schon wissen? An diesem Morgen an diesem sonnigen Tag im Sommer m\u00fcssen ein Joghurtl\u00f6ffel und ein K\u00e4nnchen samt Tasse daran glauben. An den Abwasch nat\u00fcrlich, was sonst? Fr\u00fcher hat Ulla ihr Geschirr noch gesammelt, um Wasser zu sparen. Wer solle auch anders als sie und andere \u00e4ltere Leute Wasser sparen, wenn die Jungen heutzutage dazu nicht in der Lage sind? Aber das hat Ulla aufgeben m\u00fcssen, nachdem sie keine andere Aufgabe mehr fand. Etwas anderes als den Abwasch. Etwas anderes bis zum Fr\u00fchst\u00fcck um 8.00 Uhr. Etwas, um sich die Zeit zu vertreiben.<\/p>\n<p>So, jetzt aber los. P\u00fcnktlich um 7.45 Uhr steht Ulla vor ihrem Briefkasten und schlie\u00dft ihn auf. Keine Zeitung, kein Brief. Wie immer. Ein leerer Briefkasten st\u00f6rt Ulla nicht. Kein Brief, den es zu lesen gilt und auf den man reagieren m\u00fcsse. Auf den Brief, oder dem Schreiberling, der ja gleicht einem Sonderling. Wer schreibt denn heute noch Briefe?<\/p>\n<p>Weitere f\u00fcnf Meter Richtung Caf\u00e9 und Ulla erreicht die Baustelle, die seit letzter Woche die Kreuzung vor ihrer Stra\u00dfe blockiert. Ullas neuer Lieblingsort.<\/p>\n<p>Der \u00e4ltere der beiden winkt am\u00fcsiert, als er Ullas \u00fcberschw\u00e4ngliches \u00bbGuten Morgen, M\u00e4nner\u00ab h\u00f6rt. Das Alter gibt ihm wohl seine Gelassenheit. Oder es ist seine Erfahrung, all die Erlebnisse, die er \u00fcber Jahre mit Passanten gesammelt hat. Wahrscheinlich beides. Ganz anders reagiert da der j\u00fcngere der beiden M\u00e4nner. Der kann sich ganz sicher etwas Besseres vorstellen, als in diesem Moment, an diesem Morgen an einem so sonnigen Montag, die schlaffen Titten einer alten Frau \u00fcber der Absperrung h\u00e4ngen zu sehen. Er dreht sich weg und schaut verzweifelt zu seinem Kollegen, so als ob mit einem schwarzen Marker auf seiner Stirn geschrieben steht \u00bbBitte mach, dass sie weggeht\u00ab. Der \u00c4ltere nickt ihm zu, h\u00f6rt sich Ullas Weisheiten an und tut so, als g\u00e4be er ihr recht. So l\u00e4sst es sich besser ertragen. Bedenkt man, dass Passanten wie Ulla an jeder Baustelle vorbeikommen k\u00f6nnen, einem Smalltalk abverlangen und es besser wissen wollen, so sollte sich der j\u00fcngere einen dickeren Pelz zulegen. In seinem Job hat man ganz offenbar viel Kontakt zu den verschiedensten Leuten, seine Arbeit jedoch macht ihm keiner. Big Brother is watching you! An diesem Morgen an diesem sonnigen Montag ist Ulla sein Big Brother. Und Ulla hat Ahnung! \u00bbFr\u00fcher hat man ja noch anders gearbeitet. Fr\u00fcher hat man f\u00fcr die Ewigkeit gebaut. Fr\u00fcher hat alles l\u00e4nger gehalten.\u00ab Normalerweise sind das S\u00e4tze, die die beiden von M\u00e4nnern h\u00f6ren. Aber Ulla ist da anders, denn sie wei\u00df, wie man mit M\u00e4nnern spricht. \u00dcber Frauenthemen zu reden, macht hier keinen Sinn. Dazu hat sie ihre Freundinnen, wie Christel, die ganz sicher schon im Caf\u00e9 auf Ulla wartet. \u00bbJetzt muss ich aber weiter\u00ab, sagt sie dann auch, als ihr ihre Freundin in den Sinn kommt. Im Weggehen h\u00f6rt sie den einen noch \u00bbDann bis gleich\u00ab sagen und lacht. Wie aufmerksam von ihm, denkt sie.<\/p>\n<p>Wenn der Tag so gut beginnt, dann scheint die Sonne doch gleich viel heller. Aber das L\u00e4cheln in Ullas Gesicht verschwindet in dem Augenblick, als sie Christel an ihren Tisch auf sie warten sieht. H\u00e4ngende Mundwinkel, angespannte Haltung, H\u00e4nde gefaltet wie zum Gebet. Da w\u00fcrde Ulla am liebsten zur\u00fcckgehen. Die Bauarbeiter sind so gar nicht langweilig und wissen wenigstens, etwas mit ihrer Zeit anzufangen. Christel kann das nicht. Christel wei\u00df vor lauter Langeweile nicht, was sie machen soll. Die Frau geht Ulla auf die Nerven \u2013 mit ihren zahllosen Enkelkindern, ihren Hobbys und ihren bescheuerten Hund. Ein kleiner schwarzer Dackel namens Rudi. Der K\u00f6ter ist so h\u00e4sslich wie ein Maulwurf, denkt Ulla. Wahrscheinlich verkriecht er sich auch wie einer und buddelt sich sein Loch. Denn Rudi h\u00f6rt man nie. Wenn Christel ihn nicht st\u00e4ndig streicheln w\u00fcrde, k\u00e4me man gar nicht darauf, dass ein Hund an Christels Seite s\u00e4\u00dfe. Als Ulla das Caf\u00e9 betritt, denkt sie an die immer gleichen S\u00e4tze, die in der n\u00e4chsten Dreiviertelstunde gesprochen werden. \u00bbMorgen Ulla. Ich habe dir schon das Kleine Fr\u00fchst\u00fcck bestellt. Den Kaffee bringt sie gleich.\u00ab Dann folgen die obligatorischen Fragen nach Ullas Garten, Ullas Fahrrad, Ullas Fernsehabend. Das Gespr\u00e4ch an diesem Morgen an diesem sonnigen Montag geht zum Teil so:<\/p>\n<p>Ulla: Also, die Bauarbeiter in meiner Stra\u00dfe, sage ich dir, die schuften was das Zeug h\u00e4lt. Dauert nicht mehr lange, dann haben sie die Leitungen ausgetauscht. Ich wei\u00df gar nicht, wie oft die Stra\u00dfe schon aufgemacht wurde. Und immer genau an dieser Stelle. Bestimmt jeden Sommer in den letzten f\u00fcnf Jahren. Irgendetwas war immer.<\/p>\n<p>Christel: Die fangen doch auch erst gegen 7.00 Uhr an zu arbeiten, nicht wahr?<\/p>\n<p>Ulla: Ja, ja. Aber es w\u00fcrde mich nicht st\u00f6ren, wenn sie schon um 6.00 Uhr mit ihrer Arbeit anfangen.<\/p>\n<p>Christel: Na ja, als Rentnerin st\u00f6rt mich Baul\u00e4rm auch nicht mehr. Aber wenn man noch in Arbeit ist und morgens raus muss, dann ist es doch angenehmer, wenn man nicht so fr\u00fch geweckt wird. Da reicht es schon, wenn die M\u00fcllabfuhr bereits kurz nach 6.00 Uhr unterwegs ist.<\/p>\n<p>Ulla: Ach, h\u00f6r doch auf. Das bisschen Arbeit, was die Jungen heute haben. Wir haben fr\u00fcher viel mehr gearbeitet.<\/p>\n<p>Christel: Wir hatten aber nicht so viel Stress.<\/p>\n<p>Ulla: Was hei\u00dft denn hier Stress? Ich habe auch zwei Kinder gro\u00df gekriegt und nebenbei gearbeitet, und nicht nur halbtags. Fr\u00fcher w\u00e4re man nicht auf die Idee gekommen, seine Eltern um Hilfe zu bitten. Unser Geld wollen sie haben, unsere Zeit wollen sie haben.<\/p>\n<p>Christel: Damit meinst du doch nicht dich selbst, oder?<\/p>\n<p>Ulla: Na ja, irgendwie schon. Wenn die eigenen Kinder erwachsen sind, denkt man doch, sie k\u00f6nnten sich um ihre Kinder selber k\u00fcmmern. Aber heutzutage ist es anders. Meine Tochter hat kaum noch Zeit f\u00fcr mich. Ihre Kinder fragen nach Geld und \u00fcberlassen ihr die Enkel, wann sie wollen. Das ist eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit.<\/p>\n<p>Christel: Aber das ist doch normal, dass man sich innerhalb der Familie hilft.<\/p>\n<p>Ulla: Ja, Christel. Aber in der Generationsabfolge sollte es folgenderma\u00dfen hei\u00dfen: Enkelkinder, Kinder, Gro\u00dfeltern, Urgro\u00dfeltern.<\/p>\n<p>Christel: Ja, und? So ist es doch, oder etwa nicht?<\/p>\n<p>Ulla: Nein, das ist es nicht. Heute hei\u00dft es: Enkel, Kinder und dann Erwachsene, einschlie\u00dflich uns Urgro\u00dfeltern.<\/p>\n<p>Christel: Ach, Ulla. Jetzt \u00fcbertreibst du aber.<\/p>\n<p>Ulla: Ich \u00fcbertreibe \u00fcberhaupt nicht. Die Jungen heutzutage wollen sich einfach nicht mehr anstrengen. So wie meine bescheuerte Nachbarin.<\/p>\n<p>Christel: Du meinst die, die du seit wie langer Zeit nicht mehr gesehen hast?<\/p>\n<p>Ulla: Na ja, durchs Schl\u00fcsselloch sehe ich sie beinahe t\u00e4glich. Aber eigentlich ist sie die ganze Zeit in ihrer Wohnung. Den ganzen Tag auf der Couch liegen und Fernseher gucken, kein Mann, keine Kinder.<\/p>\n<p>Christel: Meine Tochter meinte, dass wenn sie Hartz-IV-Empf\u00e4nger w\u00e4re, nicht mehr in der Innenstadt wohnen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Ulla: Ach, vielleicht bezahlen ihre Eltern die Wohnung. Das meine ich ja. Die Jungen kriegen ihr Leben einfach nicht in den Griff und brauchen ihre Eltern.<\/p>\n<p>Christel: Meine Tochter meinte, dass sie vielleicht von zu Hause aus arbeitet. Das machen heute viele Menschen. Nicht alle m\u00fcssen zur Arbeit<em> fahren<\/em>.<\/p>\n<p>Ulla: Du und deine Tochter. Die kennt meine Nachbarin doch gar nicht.<\/p>\n<p>Christel: Du doch aber auch nicht.<\/p>\n<p>Ulla nippt an ihrem Kaffee und schaut zur Einkaufsstra\u00dfe. Drau\u00dfen gehen junge M\u00fctter mit ihren Kindern an den H\u00e4nden und im Kinderwagen vorbei. Wie Ulla bemerkt auch Christel die Frauen und meint, dass die Kinderwagen heutzutage viel sch\u00f6ner seien. Ihr Enkel ist vor ein paar Wochen Vater geworden und hat sie zur Urgro\u00dfmutter gemacht. Mit dessen Freundin verst\u00fcnde sie sich auch ausgezeichnet und sie alle w\u00fcrden sich regelm\u00e4\u00dfig sehen. Dass sie beide nicht verheiratet sind, finde Christel schade, aber sie verstehe auch, dass eine Heirat f\u00fcr die jungen Leute heute nicht mehr so wichtig ist.<\/p>\n<p>Ulla: Also, ich muss dann jetzt los. Mein Garten wartet auf mich.<\/p>\n<p>Christel: Okay. Morgen werde ich \u00fcbrigens nicht kommen.<\/p>\n<p>Ulla: Nein? Warum denn das nicht?<\/p>\n<p>Christel: Ich fahre mit meinem Enkel und seiner kleinen Familie nach Rostock zu <em>IKEA<\/em>.<\/p>\n<p>Ulla: Ach, die brauchen wohl noch etwas f\u00fcr ihre Einrichtung und du darfst dann bezahlen.<\/p>\n<p>Christel: Ja, und? Ist doch mein Geld, das ich ausgebe und nicht deins.<\/p>\n<p>Ulla: Ja, Christel. Hier hast du meine 7.45 \u20ac f\u00fcrs Fr\u00fchst\u00fcck. Kannst du das der Kellnerin geben? Ich will jetzt los.<\/p>\n<p>Christel: Ja, mache ich. Wie immer.<\/p>\n<p>Ulla: Dann bis morgen. Tsch\u00fcss.<\/p>\n<p>Christel: Ja, Ulla. Bis \u00fcbermorgen. Tsch\u00fcss.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>W\u00fctend und mit leichtem Herzrasen verl\u00e4sst Ulla das Caf\u00e9. Soll ihre Freundin Christel ruhig ihre Zeit und ihr Geld f\u00fcr ihren Enkel verschwenden. Ulla wei\u00df etwas Besseres mit sich anzufangen. Auf den Weg zur\u00fcck zu ihrer Wohnung sieht sie die beiden Bauarbeiter gerade schwer besch\u00e4ftigt. Einer im Bagger und der andere mit einer Schippe in der Hand heben sie weiter Erdreich aus. Das ist harte Arbeit, denkt Ulla und glaubt zu wissen, dass ihre Nachbarin nur faul sein kann. Welche Arbeit kann man schon von zu Hause aus machen? Vorm Computer sitzen und irgendeinen M\u00fcll tippen? Das ist doch keine Arbeit? Arbeit ist nur Arbeit, wenn man am Ende des Tages ein Ergebnis sieht!<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Vor der Haust\u00fcr steht ein junger Mann vom Paketdienst <em>dpd<\/em>. Der kann auch nichts gelernt haben, wenn er Pakete ausliefern muss, denkt Ulla und holt ihren Hausschl\u00fcssel aus ihrer Handtasche. Der Mann spricht sie an und fragt, ob sie f\u00fcr eine Nachbarin ein Paket annehmen k\u00f6nne. Ausgerechnet f\u00fcr Ullas spezielle Nachbarin, f\u00fcr Ullas Lieblingsnachbarin. Ulla regt sich dar\u00fcber auf und antwortet, sie habe keine Zeit, sie m\u00fcsse in ihren Garten. So geht sie ins Haus und in ihre Wohnung. Sie fragt sich, warum ihre Nachbarin nicht zu Hause sein soll. Aber vielleicht schl\u00e4ft die ja noch. Leute, die nicht morgens zur Arbeit raus m\u00fcssen, lassen den Tag doch sowieso nur vor sich dahinpl\u00e4tschern &#8211; solange bis sie ihn tatenlos \u00fcber die B\u00fchne gebracht haben.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>In ihrer Wohnung verliert Ulla keine Zeit. Noch schnell auf die Toilette, eine d\u00fcnne Sommerjacke \u00fcbergezogen und mit der am gestrigen Abend bereits gepackten Tasche in der Hand, knallt sie ihre Wohnungst\u00fcr zu und stolpert die Treppe runter zu ihrem Fahrrad. Ullas Fahrrad ist ihr ganzer Stolz. Sobald ihr etwas verd\u00e4chtig erscheint, f\u00e4hrt sie damit zum Fahrraddienst und l\u00e4sst es durchchecken. Nur um auf Nummer Sicher zu gehen. Wenn sie manche jungen Leute mit ihren Drahteseln sieht, verdreckt und verschlissen, fragt sie sich, warum man diese nicht aus dem Verkehr ziehe. Schlie\u00dflich w\u00fcrden diese andere Verkehrsteilnehmer gef\u00e4hrden. Aber heutzutage d\u00fcrfe ja jeder alles machen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Auf dem Weg zu ihrem Garten weicht Ulla gekonnt den vielen Fu\u00dfg\u00e4ngern aus, die nicht ordnungsgem\u00e4\u00df den B\u00fcrgersteig benutzen. Es ist Montag gegen 10.00 Uhr und die jungen Leute schlendern einem vor die F\u00fc\u00dfe rum, denkt Ulla und rast an ihnen vorbei. Vor der Gartenanlage sieht sie die Autos anderer Gartenp\u00e4chter mit und ohne Anh\u00e4nger, die auch nicht alle richtig geparkt sind. Wozu gibt es das Parkschild denn, fragte Ulla mal einen der P\u00e4chter, der ihr darauf einen Vogel zeigte und meinte, sie solle sich mal um ihren eigenen Kram k\u00fcmmern. Ulla entgegnete, dass sie das ja t\u00e4te, schlie\u00dflich sei sie genauso P\u00e4chter wie er und andere. Da aber heute niemand vorm Eingang und an den parkenden Autos zu sehen ist, f\u00e4hrt Ulla direkt weiter und zu ihrem Garten.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Dort fallen ihr sofort ihre Nachbarn auf, die flei\u00dfig Erdbeeren pfl\u00fccken. Ullas Gartennachbarn sind einige Jahre j\u00fcnger als sie und erst vor kurzem in Rente gegangen. Sie haben noch viele Beete, die sie alleine pflegen und die ihnen immer reichlich Ernte schenken. Ulla kann nicht widerstehen. Sie lehnt ihr Fahrrad an die Pforte, geht auf ihre Nachbarn zu und ruft \u00fcbern Zaun, sie sollen sich doch ein Kissen unter die Knie legen. Dann sei das Pfl\u00fccken gleich viel angenehmer und man scheuere sich die Knie nicht auf. Die beiden \u00e4lteren Leute schrecken auf, denn sie waren mit ihren Erdbeeren so besch\u00e4ftigt, dass sie Ulla nicht kommen geh\u00f6rt haben. \u00bbAch Gott, habe ich euch erschreckt? Ihr seid doch wohl nicht empfindlich, oder was?\u00ab Ulla lacht und l\u00e4sst ihre Nachbarn gar nicht antworten, sondern empfiehlt ihnen gleich, am besten noch zu gie\u00dfen, bevor es zu hei\u00df daf\u00fcr wird. Es w\u00fcrde wieder ein hei\u00dfer Tag werden, dieser sonnige Montag. Da m\u00fcssen sie auf ihre Erdbeeren Acht geben, dass sie keinen Sonnenbrand kriegen. Der Mann kann sich nicht mehr zur\u00fcckhalten und ruft Ulla freundlich aber bestimmt zu, dass sie sie endlich in Ruhe lassen soll. Sie h\u00e4tten sie bereits mehrfach darum gebeten. Aber Ulla lacht nur und erwidert, er solle sich nicht so aufregen, in seinem Alter und bei seiner Statur k\u00f6nne man ganz schnell einen Herzinfarkt kriegen. Die Frau des Mannes r\u00e4t ihm, Ulla gar nicht zu beachten und meint, sie sollen einfach ihre Erdbeeren zu Ende pfl\u00fccken und dann nach Hause gehen. \u00bbAch, ihr bleibt gar nicht so lange? Ja, bei der Hitze ist es wohl auch das Beste. Ich werde dann mal nach meiner Laube sehen.\u00ab<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Ulla schlie\u00dft ihre Laube auf und kontrolliert, ob alles in Ordnung ist. Man kann nie wissen. Es gab schon Einbr\u00fcche. Nat\u00fcrlich nur von jungen, gelangweilten Leuten begangen, die nichts mit ihrem Leben anzufangen wissen. Deshalb ist Ullas Laube auch nur spartanisch eingerichtet. Gartenger\u00e4te, die gestohlen werden k\u00f6nnen, besitzt sie nicht. Wenn etwas im Garten gemacht werden muss, wie zum Beispiel Rasen m\u00e4hen oder B\u00e4ume beschneiden, macht das sowieso ihr Schwiegersohn und der kann alles, was er braucht, mitbringen und wieder mitnehmen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Ulla stellt einen ihrer Gartenst\u00fchle vor die Laube und holt ihre Tasche vom Fahrrad, das sie noch schnell am Zaun anschlie\u00dft. Sicher ist sicher. Mit einer Zeitschrift macht sie es sich bequem und genie\u00dft bis zum Mittag die Ruhe und vor allem die Sonne, an diesem so sonnigen Tag.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in ihrer Wohnung stellt sie ihre Tasche im Flur ab und geht noch mal runter in ihren Keller. Dort hat sie ihren Gr\u00fcnen Markt, wie sie sagt, und sucht sich ein paar Kartoffeln zusammen, eine Zwiebel und ein bisschen Lauch. Mit ihrer kleinen Kiepe geht es zur\u00fcck in ihre Wohnung und in die K\u00fcche. Ulla kocht grunds\u00e4tzlich frisch und jeden Tag. Sie verstehe gar nicht, wie sich die jungen Leute heutzutage nur noch von Fastfood ern\u00e4hren k\u00f6nnen. Sich etwas Gesundes kochen zu k\u00f6nnen \u2013 daf\u00fcr m\u00fcsse doch Zeit sein. Oder mache ihnen das auch zu viel Stress? Fr\u00fcher hatte Ulla f\u00fcr ihren Mann und ihre Kinder auch immer abends eine Suppe gekocht, damit sie alle wenigstens einmal am Tag etwas Vern\u00fcnftiges essen. Aber schnell eine Pizza in den Backofen und dann vorm Fernseher auf die Couch. So sieht heute bei vielen Familien das gemeinsame Abendessen aus.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Gegen 14.00 Uhr geht es zur\u00fcck in den Garten. Ullas Nachbarn sind nicht da. Vielleicht kommen sie abends zum Gie\u00dfen, denkt Ulla und widmet sich wieder einer ihrer Zeitschriften. Die Promis haben es ihr so ganz und gar nicht angetan. Ulla verstehe nicht, dass besonders junge Menschen (wer sonst) sich mit den sogenannten VIPs vergleichen und am liebsten genauso leben und genauso ber\u00fchmt sein w\u00fcrden. Haben die \u00fcberhaupt kein Selbstbewusstsein? Ulla bevorzugt Zeitschriften, in denen Lebensweisheiten, Rezepte und Deko-Ideen zu finden sind. Einiges an Dekorationen mache aber so \u00fcberhaupt keinen Sinn. Zum Beispiel \u00c4ste zu sammeln und zu trocknen, um sie dann zusammengebunden aufs Fensterbrett zu legen. Unsinnige Staubf\u00e4nger, wie Ulla so gerne sagt.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Nachmittag h\u00f6rt Ulla Kinderstimmen, die von zwei G\u00e4rten entfernt zu ihr schallen. Sie schl\u00e4gt ihre Zeitschrift zu, steht auf und geht zum Gartenzaun, um besser erkennen zu k\u00f6nnen, was dort los ist. Die P\u00e4chter dieses Gartens, auch Rentner, haben f\u00fcr ihre Enkel einen Pool aufgestellt und lassen die Kinder im Wasser toben. Ulla kann es kaum fassen. Werktags so ein Krach. Den hat sie doch schon in der Innenstadt, wo sie wohnt. Die Gartenanlage ist l\u00e4rmfreie Zone, findet Ulla und sie \u00fcberlegt, ob sie hingehen soll, um sich zu beschweren. Auf einmal h\u00f6rt sie die Stimme ihrer Nachbarin. Sie dreht sich um und sieht sie zusammen mit ihrem Mann, der bereits den Gartenschlauch in der Hand h\u00e4lt und die Beete gie\u00dfen will. \u00bbDas ist doch nicht zu glauben, oder wie findet ihr das?\u00ab, fragt Ulla. Die beiden Eheleute lachen und die Frau antwortet: \u00bbWarte bis unsere Enkel kommen. In den Sommerferien werden sie die ganzen sechs Wochen bei uns sein und wir kommen jeden Tag hierher.\u00ab Ulla ist schockiert \u00fcber so viel Dreistigkeit und entgegnet: \u00bbDann werde ich mich beschweren. Die Gartenanlage ist schlie\u00dflich kein Spielplatz.\u00ab Aber die beiden Rentner lachen nur und als Ulla noch etwas sagen m\u00f6chte, schmei\u00dft der Mann den Gartenschlauch an und gie\u00dft seelenruhig seine Beete.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Ulla beschlie\u00dft, nach Hause zu fahren. Sie packt ihre Sachen zusammen, schlie\u00dft die Laube ab und verl\u00e4sst die Gartenanlage. Als Ulla an dem Garten vorbeif\u00e4hrt, wo die Kinder im Pool schwimmen, sieht sie deren Gro\u00dfvater winken und grinsen. Ulla h\u00e4lt an und steigt von ihrem Rad. Das will sie sich nicht bieten lassen und ruft: \u00bbEs ist mein gutes Recht, mich zu beschweren. Das ist nicht in Ordnung, was Sie hier machen.\u00ab Der Mann lacht, winkt ab und br\u00fcllt: \u00bbAch du, meckere ruhig rum. Das h\u00e4lt dich ja am Leben!\u00ab<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Mit viel Wut im Bauch macht sich Ulla auf den Weg. Unterwegs wird sie von einem Autofahrer \u00fcbersehen und beinahe angefahren. Im letzten Moment kann der Mann noch bremsen und br\u00fcllt: \u00bbAuch Alte haben den Radweg zu benutzen! Was glauben Sie denn, wer Sie sind?\u00ab Ulla kreischt: \u00bbAch halten Sie die Klappe! Leisten Sie erst mal das, was ich im Leben geleistet habe, dann k\u00f6nnen Sie so mit mir reden.\u00ab<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Zu Hause l\u00e4sst sie ihre W\u00e4sche h\u00e4ngen und geht direkt in ihre Wohnung. In ihrer K\u00fcche fragt sich Ulla, ob sich die P\u00e4chter in der Gartenanlage gegen sie verschworen haben. Wie solle sie es dort noch aushalten, wenn alle gegen sie sind? Ulla m\u00f6chte doch nur ihre Ruhe haben. Mit zwei Tomatenstullen geht sie ins Wohnzimmer und schaltet den Fernseher an. Nach <em>Perfektes Dinner<\/em> schaut Ulla noch <em>Tagesschau<\/em> und dann vielleicht einen Krimi, falls einer im <em>Ersten<\/em> oder <em>Zweiten<\/em> kommt. Manchmal guckt Ulla auch <em>NDR<\/em>. Aber lange dauert es nie, bis Ulla ins Bett geht.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Dann liegt Ulla auf ihrer Liege, trommelt mit den Fingern auf der Bettdecke und wartet darauf, dass der n\u00e4chste Tag beginnt. Morgens wird sie die Bauarbeiter begr\u00fc\u00dfen, sie wird fr\u00fchst\u00fccken gehen (auch ohne Christel), sie wird zu ihrem Garten fahren, sie wird mittags zur\u00fcck in ihrer Wohnung sein, sie wird den Nachmittag in ihrem Garten verbringen, sie wird sich abends wieder in ihrer K\u00fcche zwei Stullen schmieren, mit Tomate, Gurke oder Frischk\u00e4se, und dann wird Ulla fr\u00fch ins Bett gehen und hoffen, dass am n\u00e4chsten Tag die Zeit genauso schnell vor\u00fcbergeht \u2013 an einem oder keinem so sonnigen Tag.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Unverk\u00e4uflicher Text von Doreen Gehrke. Die Verwendung dieses Textes, ob nun auszugsweise oder in vollem Umfang, ist ohne schriftlicher Zustimmung von Doreen Gehrke urheberrechtswidrig. Auch eine \u00dcbersetzung des Textes sowie die Verwendung in elektronischen Systemen ist strafbar.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/d2914f1fac6c499e9bb22a49184edf22\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<p>[\/et_pb_text][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[et_pb_section bb_built=&#8220;1&#8243;][et_pb_row][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243;][et_pb_text _builder_version=&#8220;3.12.1&#8243; text_font_size=&#8220;14px&#8220; text_orientation=&#8220;justified&#8220; link_text_align=&#8220;justify&#8220; link_text_color=&#8220;#515151&#8243; link_font_size=&#8220;14px&#8220;] Noch ein paar Minuten. Noch ein paar Minuten und ein paar Sekunden, ein paar zerquetschte. Noch ein paar Minuten und ein paar zerquetschte Sekunden und dann kann Ulla endlich aufstehen. Sie k\u00f6nnte auch schon fr\u00fcher aufstehen. Durchaus k\u00f6nnte sie das. 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Oder anders: Wie sieht heute der Tagesablauf aus? Oder gleich ganz direkt: Wie kriege ich den Tag am besten \u00fcber die B\u00fchne?<\/p><p>Langeweile ist schlimmer als das Alleinsein. Ulla wohnt allein und gerne allein. Mit jemanden zusammenleben? Nicht, wenn Ulla es nicht m\u00f6chte. Noch drei Stunden und ein paar Minuten und ein paar Sekunden, ein paar zerquetschte. Also drei Stunden, ein paar Minuten und ein paar zerquetschte Sekunden bis Ulla ihre Freundin Christel zum Fr\u00fchst\u00fcck trifft. P\u00fcnktlich um 8.00 Uhr, Tisch Nr. 5 in der hinteren linken Ecke in ihrem Lieblings-Caf\u00e9 <em>Zum Marktplatz<\/em>. Von dort aus hat man alles im Blick. Das kleine Fr\u00fchst\u00fcck, manchmal eine zweite Tasse Filterkaffee, nicht l\u00e4nger als eine Dreiviertelstunde. Das muss reichen. Mehr Zeit kann Ulla ihrer Christel nicht schenken. Seit jeher versucht sie der Christel klarzumachen, wie sehr sie in ihren Aufgaben und Unternehmungen eingespannt ist. Ganz offensichtlich will Ullas Freundin das nicht verstehen, wenn sie Ulla vorwirft, als Rentnerin doch gen\u00fcgend Zeit f\u00fcr sie haben zu m\u00fcssen.<\/p><p>Das Trommeln mit den Fingern auf Ullas Bettdecke wird lauter und schneller, bis es nach ein paar Minuten und ein paar zerquetschten Sekunden verstummt. Endlich. Die Bettdecke wird zur Seite geworfen, der Oberk\u00f6rper aufgerichtet und der Wecker ausgeschaltet. Es ist 5.00 Uhr an einem Morgen an einem sonnigen Tag im Sommer. Ulla mag den Sommer. W\u00e4re es Winter, w\u00fcrde Ulla noch im Bett liegen, mit ihren Fingern auf der Bettdecke trommeln und zur Decke starren oder zum Fenster. Aber es ist Sommer und Ulla hat gute Laune. Da macht es ihr nur wenig aus, bis etwa 6.00 Uhr zu warten, um dann mit ihrer noch am Abend zuvor gewaschenen W\u00e4sche die Wohnung zu verlassen und zum W\u00e4scheplatz zu gehen, um dort als Erste, W\u00e4sche aufh\u00e4ngen zu k\u00f6nnen. Und wehe wenn nicht! Sonst ist Ullas gute Laune ganz schnell hin, an diesem Morgen an einem sonnigen Tag im Sommer.<\/p><p>Gl\u00fcck gehabt. Zur\u00fcck in ihrer Wohnung nutzt Ulla die Zeit bis zum Fr\u00fchst\u00fcck mit Hausarbeit, etwa eine Stunde und 15 Minuten. Sie mag es sauber und gepflegt. Besucher sollen nicht denken, sie lebe in einem Schweinestall. Aber Ulla mag keinen Besuch. Zu zeitaufwendig. Man wei\u00df nie, wann er wieder geht, der Besuch, den Ulla nicht mag und der Besuch Ulla vielleicht auch nicht. Wer kann das schon wissen? An diesem Morgen an diesem sonnigen Tag im Sommer m\u00fcssen ein Joghurtl\u00f6ffel und ein K\u00e4nnchen Tee samt Tasse daran glauben. An den Abwasch nat\u00fcrlich, was sonst? Fr\u00fcher hat Ulla ihr Geschirr noch gesammelt, um Wasser zu sparen. Wer solle auch anders als sie und andere \u00e4ltere Leute Wasser sparen, wenn die Jungen heutzutage dazu nicht in der Lage sind? Aber das hat Ulla aufgeben m\u00fcssen, nachdem sie keine andere Aufgabe mehr fand. Etwas anderes als den Abwasch. Etwas anderes bis zum Fr\u00fchst\u00fcck um 8.00 Uhr. Etwas, um sich die Zeit zu vertreiben.<\/p><p>So, jetzt aber los. P\u00fcnktlich um 7.45 Uhr steht Ulla vor ihrem Briefkasten und schlie\u00dft ihn auf. Keine Zeitung, kein Brief. Wie immer. Ein leerer Briefkasten st\u00f6rt Ulla nicht. Kein Brief, den es zu lesen gilt und auf den man reagieren m\u00fcsse. Auf den Brief, oder dem Schreiberling, der ja gleicht einem Sonderling. Wer schreibt denn heute noch Briefe?<\/p><p>Weitere f\u00fcnf Meter Richtung Caf\u00e9 und Ulla erreicht die Baustelle, die seit letzter Woche die Kreuzung vor ihrer Stra\u00dfe blockiert. Ullas neuer Lieblingsort.<\/p><p>Der \u00e4ltere der beiden winkt am\u00fcsiert, als er Ullas \u00fcberschw\u00e4ngliches \u00bbGuten Morgen, M\u00e4nner\u00ab h\u00f6rt. Das Alter gibt ihm wohl seine Gelassenheit. Oder es ist seine Erfahrung, all die Erlebnisse, die er \u00fcber Jahre mit Passanten gesammelt hat. Wahrscheinlich beides. Ganz anders reagiert da der j\u00fcngere der beiden M\u00e4nner. Der kann sich ganz sicher etwas Besseres vorstellen, als in diesem Moment, an diesem Morgen an einem so sonnigen Montag, die schlaffen Titten einer alten Frau \u00fcber der Absperrung h\u00e4ngen zu sehen. Er dreht sich weg, schaut verzweifelt zu seinem Kollegen und wie mit einem schwarzen Marker auf seine Stirn geschrieben steht dort \u00bbBitte mach, dass sie weggeht\u00ab. Der \u00c4ltere nickt ihm zu, h\u00f6rt sich Ullas Weisheiten an und tut so, als g\u00e4be er ihr recht. So l\u00e4sst es sich besser ertragen. Bedenkt man, dass Passanten wie Ulla an jeder Baustelle vorbeikommen k\u00f6nnen, einem Smalltalk abverlangen und es besser wissen wollen, sollte sich der j\u00fcngere einen dickeren Pelz zulegen. In seinem Job hat man ganz offenbar viel Kontakt zu den verschiedensten Leuten, seine Arbeit jedoch macht ihm keiner. Big Brother is watching you! An diesem Morgen an diesem sonnigen Montag ist Ulla sein Big Brother. Und Ulla hat Ahnung! \u00bbFr\u00fcher hat man ja noch anders gearbeitet. Fr\u00fcher hat man f\u00fcr die Ewigkeit gebaut. Fr\u00fcher hat alles l\u00e4nger gehalten.\u00ab Normalerweise sind das S\u00e4tze, die die beiden von M\u00e4nnern h\u00f6ren. Aber Ulla ist da anders, denn sie wei\u00df, wie man mit M\u00e4nnern spricht. \u00dcber Frauenthemen zu reden, macht hier nat\u00fcrlich keinen Sinn. Dazu hat sie ihre Freundinnen, wie Christel, die ganz sicher schon im Caf\u00e9 auf Ulla wartet. \u00bbJetzt muss ich aber weiter\u00ab, sagt sie dann auch, als ihr ihre Freundin in den Sinn kommt. Im Weggehen h\u00f6rt sie den einen noch \u00bbDann bis gleich\u00ab sagen und lacht. Wie aufmerksam von ihm, denkt sie.<\/p><p>Wenn der Tag so gut beginnt, dann scheint die Sonne doch gleich viel heller. Aber das L\u00e4cheln in Ullas Gesicht verschwindet in dem Augenblick, als sie Christel an ihren Tisch auf sie warten sieht. H\u00e4ngende Mundwinkel, angespannte Haltung, H\u00e4nde gefaltet wie zum Gebet. Da w\u00fcrde Ulla am liebsten zur\u00fcckgehen. Die Bauarbeiter sind so gar nicht langweilig und wissen wenigstens, etwas mit ihrer Zeit anzufangen. Christel kann das nicht. Christel wei\u00df vor lauter Langeweile nicht, was sie machen soll. Die Frau geht Ulla auf die Nerven \u2013 mit ihren zahllosen Enkelkindern, ihren Hobbys und ihren bescheuerten Hund. Ein kleiner schwarzer Dackel namens Rudi. Der K\u00f6ter ist so h\u00e4sslich wie ein Maulwurf, denkt Ulla. Wahrscheinlich verkriecht er sich auch wie einer und buddelt sich sein Loch. Denn Rudi h\u00f6rt man nie. Wenn Christel ihn nicht st\u00e4ndig streicheln w\u00fcrde, k\u00e4me man gar nicht darauf, dass ein Hund an Christels Seite s\u00e4\u00dfe. Als Ulla das Caf\u00e9 betritt, denkt sie an die immer gleichen S\u00e4tze, die in der n\u00e4chsten Dreiviertelstunde gesprochen werden. \u00bbMorgen Ulla. Ich habe dir schon das Kleine Fr\u00fchst\u00fcck bestellt. Den Kaffee bringt sie gleich.\u00ab Dann folgen die obligatorischen Fragen nach Ullas Garten, Ullas Fahrrad, Ullas Fernsehabend. Das Gespr\u00e4ch an diesem Morgen an diesem sonnigen Montag geht zum Teil so:<\/p><p>Ulla: Also, die Bauarbeiter in meiner Stra\u00dfe, sage ich dir, die schuften was das Zeug h\u00e4lt. Dauert nicht mehr lange, dann haben sie die Leitungen ausgetauscht. Ich wei\u00df gar nicht, wie oft die Stra\u00dfe schon aufgemacht wurde. Und immer genau an dieser Stelle. Bestimmt jeden Sommer in den letzten f\u00fcnf Jahren. Irgendetwas war immer.<\/p><p>Christel: Die fangen doch auch erst gegen 7.00 Uhr an zu arbeiten, nicht wahr?<\/p><p>Ulla: Ja, ja. Aber es w\u00fcrde mich nicht st\u00f6ren, wenn sie schon um 6.00 Uhr mit ihrer Arbeit anfingen.<\/p><p>Christel: Na ja, als Rentnerin st\u00f6rt mich Baul\u00e4rm auch nicht mehr. Aber wenn man noch in Arbeit ist und morgens raus muss, dann ist es doch angenehmer, wenn man nicht so fr\u00fch geweckt wird. Da reicht es schon, wenn die M\u00fcllabfuhr bereits kurz nach 6.00 Uhr unterwegs ist.<\/p><p>Ulla: Ach, h\u00f6r doch auf. Das bisschen Arbeit, was die Jungen heute haben. Wir haben fr\u00fcher viel mehr gearbeitet.<\/p><p>Christel: Wir hatten aber nicht so viel Stress.<\/p><p>Ulla: Was hei\u00dft denn hier Stress? Ich habe auch zwei Kinder gro\u00df gekriegt und nebenbei gearbeitet, und nicht nur halbtags. Fr\u00fcher w\u00e4re man nicht auf die Idee gekommen, seine Eltern um Hilfe zu bitten. Unser Geld wollen sie haben, unsere Zeit wollen sie haben.<\/p><p>Christel: Damit meinst du doch nicht dich selbst, oder?<\/p><p>Ulla: Na ja, irgendwie schon. Wenn die eigenen Kinder erwachsen sind, denkt man doch, sie k\u00f6nnten sich um ihre Kinder selber k\u00fcmmern. Aber heutzutage ist es anders. Meine Tochter hat kaum noch Zeit f\u00fcr mich. Ihre Kinder fragen nach Geld und \u00fcberlassen ihr die Enkel, wann sie wollen. Das ist eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit.<\/p><p>Christel: Aber das ist doch normal, dass man sich innerhalb der Familie hilft.<\/p><p>Ulla: Ja, Christel. Aber in der Generationsabfolge sollte es folgenderma\u00dfen hei\u00dfen: Enkelkinder, Kinder, Gro\u00dfeltern, Urgro\u00dfeltern.<\/p><p>Christel: Ja, und? So ist es doch, oder etwa nicht?<\/p><p>Ulla: Nein, das ist es nicht. Heute hei\u00dft es: Enkel, Kinder und dann Erwachsene, einschlie\u00dflich uns Urgro\u00dfeltern.<\/p><p>Christel: Ach, Ulla. Jetzt \u00fcbertreibst du aber.<\/p><p>Ulla: Ich \u00fcbertreibe \u00fcberhaupt nicht. Die Jungen heutzutage wollen sich einfach nicht mehr anstrengen. So wie meine bescheuerte Nachbarin.<\/p><p>Christel: Du meinst die, die du seit wie langer Zeit nicht mehr gesehen hast?<\/p><p>Ulla: Na ja, durchs Schl\u00fcsselloch sehe ich sie beinahe t\u00e4glich. Aber eigentlich ist sie die ganze Zeit in ihrer Wohnung. Den ganzen Tag auf der Couch liegen und Fernseher gucken, kein Mann, keine Kinder.<\/p><p>Christel: Meine Tochter meinte, dass wenn sie Hartz-IV-Empf\u00e4nger w\u00e4re, nicht mehr in der Innenstadt wohnen w\u00fcrde.<\/p><p>Ulla: Ach, vielleicht bezahlen ihre Eltern die Wohnung. Das meine ich ja. Die Jungen kriegen ihr Leben einfach nicht in den Griff und brauchen ihre Eltern.<\/p><p>Christel: Meine Tochter meinte, dass sie vielleicht von zu Hause aus arbeitet. Das machen heute viele Menschen. Nicht alle m\u00fcssen zur Arbeit<em> fahren<\/em>.<\/p><p>Ulla: Du und deine Tochter. Die kennt meine Nachbarin doch gar nicht.<\/p><p>Christel: Du doch aber auch nicht.<\/p><p>Ulla nippt an ihrem Kaffee und schaut zur Einkaufsstra\u00dfe. Drau\u00dfen gehen junge M\u00fctter mit ihren Kindern an den H\u00e4nden und im Kinderwagen vorbei. Wie Ulla bemerkt auch Christel die Frauen und meint, wie viel sch\u00f6ner die Kinderwagen heutzutage doch seien. Ihr Enkel ist vor ein paar Wochen Vater geworden und hat sie zur Urgro\u00dfmutter gemacht. Mit dessen Freundin verst\u00fcnde sie sich auch ausgezeichnet und sie alle w\u00fcrden sich regelm\u00e4\u00dfig sehen. Dass sie beide nicht verheiratet sind, finde Christel schade, aber sie verstehe auch, dass eine Heirat f\u00fcr die jungen Leute heute nicht mehr so wichtig ist.<\/p><p>Ulla: Also, ich muss dann jetzt los. Mein Garten wartet auf mich.<\/p><p>Christel: Okay. Morgen werde ich \u00fcbrigens nicht kommen.<\/p><p>Ulla: Nein? Warum denn das nicht?<\/p><p>Christel: Ich fahre mit meinem Enkel und seiner kleinen Familie nach Rostock zu IKEA.<\/p><p>Ulla: Ach, die brauchen wohl noch etwas f\u00fcr ihre Einrichtung und du darfst dann bezahlen.<\/p><p>Christel: Ja, und? Ist doch mein Geld, was ich ausgebe und nicht deins.<\/p><p>Ulla: Ja, Christel. Hier hast du meine 7.45 \u20ac f\u00fcrs Fr\u00fchst\u00fcck. Kannst du das der Kellnerin geben? Ich will jetzt los.<\/p><p>Christel: Ja, mache ich. Wie immer.<\/p><p>Ulla: Dann bis morgen. Tsch\u00fcss.<\/p><p>Christel: Ja, Ulla. Bis \u00fcbermorgen. Tsch\u00fcss.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>W\u00fctend und mit leichtem Herzrasen verl\u00e4sst Ulla das Caf\u00e9. Soll ihre Freundin Christel ruhig ihre Zeit und ihr Geld f\u00fcr ihren Enkel verschwenden. Ulla wei\u00df etwas Besseres mit sich anzufangen. Auf den Weg zur\u00fcck zu ihrer Wohnung sieht sie die beiden Bauarbeiter gerade schwer besch\u00e4ftigt. Einer im Bagger und der andere mit einer Schippe in der Hand heben sie weiter Erdreich aus. Das ist harte Arbeit, denkt Ulla und glaubt zu wissen, dass ihre Nachbarin nur faul sein kann. Welche Arbeit kann man schon von zu Hause aus machen? Vorm Computer sitzen und irgendeinen M\u00fcll tippen? Das ist doch keine Arbeit? Arbeit ist nur Arbeit, wenn man am Ende des Tages ein Ergebnis sieht!<\/p><p>\u00a0<\/p><p>Vor der Haust\u00fcr steht ein junger Mann vom Paketdienst <em>dpd<\/em>. Der kann auch nichts gelernt haben, wenn er Pakete ausliefern muss, denkt Ulla und holt ihren Hausschl\u00fcssel aus ihrer Handtasche. Der Mann spricht sie an und fragt, ob sie f\u00fcr eine Nachbarin ein Paket annehmen k\u00f6nne. Ausgerechnet f\u00fcr Ullas spezielle Nachbarin, f\u00fcr Ullas Lieblingsnachbarin. Ulla regt sich dar\u00fcber auf und antwortet, sie habe keine Zeit, sie m\u00fcsse in ihren Garten. So geht sie ins Haus und in ihre Wohnung. Sie fragt sich, warum ihre Nachbarin nicht zu Hause sein soll. Aber vielleicht schl\u00e4ft die ja noch. Leute, die nicht morgens zur Arbeit raus m\u00fcssen, lassen den Tag doch sowieso nur vor sich dahinpl\u00e4tschern - solange bis sie ihn tatenlos \u00fcber die B\u00fchne gebracht haben.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>In ihrer Wohnung verliert Ulla keine Zeit. Noch schnell auf die Toilette, eine d\u00fcnne Sommerjacke \u00fcbergezogen und mit der am gestrigen Abend bereits gepackten Tasche in der Hand, knallt sie ihre Wohnungst\u00fcr zu und stolpert die Treppe runter zu ihrem Fahrrad. Ullas Fahrrad ist ihr ganzer Stolz. Sobald ihr etwas verd\u00e4chtig erscheint, f\u00e4hrt sie damit zum Fahrraddienst und l\u00e4sst es durchchecken. Nur um auf Nummer Sicher zu gehen. Wenn sie manche jungen Leute mit ihren Drahteseln sieht, verdreckt und verschlissen, fragt sie sich, warum man diese nicht aus dem Verkehr ziehe. Schlie\u00dflich w\u00fcrden diese andere Verkehrsteilnehmer gef\u00e4hrden. Aber heutzutage d\u00fcrfe ja jeder alles machen.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>Auf dem Weg zu ihrem Garten weicht Ulla gekonnt den vielen Fu\u00dfg\u00e4ngern aus, die nicht ordnungsgem\u00e4\u00df den B\u00fcrgersteig benutzen. Es ist Montag gegen 10.00 Uhr und die jungen Leute schlendern einem vor die F\u00fc\u00dfe rum, denkt Ulla und rast an ihnen vorbei. Vor der Gartenanlage sieht sie die Autos anderer Gartenp\u00e4chter mit und ohne Anh\u00e4nger, die auch nicht alle richtig geparkt sind. Wozu gibt es das Parkschild denn, fragte Ulla mal einen der P\u00e4chter, der ihr darauf einen Vogel zeigte und meinte, sie solle sich mal um ihren eigenen Kram k\u00fcmmern. Ulla entgegnete, dass sie das ja t\u00e4te, schlie\u00dflich sei sie genauso P\u00e4chter wie er und andere. Da aber heute niemand vorm Eingang und an den parkenden Autos zu sehen ist, f\u00e4hrt Ulla direkt weiter und zu ihrem Garten.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>Dort fallen ihr sofort ihre Nachbarn auf, die flei\u00dfig Erdbeeren pfl\u00fccken. Ullas Gartennachbarn sind einige Jahre j\u00fcnger als sie und erst vor kurzem in Rente gegangen. Sie haben noch viele Beete, die sie alleine pflegen und die ihnen immer reichlich Ernte schenken. Ulla kann nicht wiederstehen. Sie lehnt ihr Fahrrad an die Pforte, geht auf ihre Nachbarn zu und ruft \u00fcbern Zaun, sie sollen sich doch ein Kissen unter die Knie legen. Dann sei das Pfl\u00fccken gleich viel angenehmer und man scheuere sich die Knie nicht auf. Die beiden \u00e4lteren Leute schrecken auf, denn sie waren mit ihren Erdbeeren so besch\u00e4ftigt, dass sie Ulla nicht kommen geh\u00f6rt haben. \u00bbAch Gott, habe ich euch erschreckt? Ihr seid doch wohl nicht empfindlich, oder was?\u00ab Ulla lacht und l\u00e4sst ihre Nachbarn gar nicht antworten, sondern empfiehlt ihnen gleich, am besten noch zu gie\u00dfen, bevor es zu hei\u00df daf\u00fcr wird. Es w\u00fcrde wieder ein hei\u00dfer Tag werden, dieser sonnige Montag. Da m\u00fcssen sie auf ihre Erdbeeren Acht geben, dass sie keinen Sonnenbrand kriegen. Der Mann kann sich nicht mehr zur\u00fcckhalten und ruft Ulla freundlich aber bestimmt zu, dass sie sie endlich in Ruhe lassen soll. Sie h\u00e4tten sie bereits mehrfach darum gebeten. Aber Ulla lacht nur und erwidert, er solle sich nicht so aufregen, in seinem Alter und bei seiner Statur k\u00f6nne man ganz schnell einen Herzinfarkt kriegen. Die Frau des Mannes r\u00e4t ihm, Ulla gar nicht zu beachten und meint, sie sollen einfach ihre Erdbeeren zu Ende pfl\u00fccken und dann nach Hause gehen. \u00bbAch, ihr bleibt gar nicht so lange? Ja, bei der Hitze ist es wohl auch das Beste. Ich werde dann mal nach meiner Laube sehen.\u00ab<\/p><p>\u00a0<\/p><p>Ulla schlie\u00dft ihre Laube auf und kontrolliert, ob alles in Ordnung ist. Man kann nie wissen. Es gab schon Einbr\u00fcche. Nat\u00fcrlich nur von jungen, gelangweilten Leuten begangen, die nichts mit ihrem Leben anzufangen wissen. Deshalb ist Ullas Laube auch nur spartanisch eingerichtet. Gartenger\u00e4te, die gestohlen werden k\u00f6nnen, besitzt sie nicht. Wenn etwas im Garten gemacht werden muss, wie zum Beispiel Rasen m\u00e4hen oder B\u00e4ume beschneiden, macht das sowieso ihr Schwiegersohn und der kann alles, was er braucht, mitbringen und wieder mitnehmen.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>Ulla stellt einen ihrer Gartenst\u00fchle vor die Laube und holt ihre Tasche vom Fahrrad, das sie noch schnell am Zaun anschlie\u00dft. Sicher ist sicher. Mit einer Zeitschrift macht sie es sich bequem und genie\u00dft bis zum Mittag die Ruhe und vor allem die Sonne, an diesem so sonnigen Tag.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>Zur\u00fcck in ihrer Wohnung stellt sie ihre Tasche im Flur ab und geht noch mal runter in ihren Keller. Dort hat sie ihren Gr\u00fcnen Markt, wie sie sagt, und sucht sich ein paar Kartoffeln zusammen, eine Zwiebel und ein bisschen Lauch. Mit ihrer kleinen Kiepe geht es zur\u00fcck in ihre Wohnung und in die K\u00fcche. Ulla kocht grunds\u00e4tzlich frisch und jeden Tag. Sie verstehe gar nicht, wie sich die jungen Leute heutzutage nur noch von Fastfood ern\u00e4hren k\u00f6nnen. Sich etwas Gesundes kochen zu k\u00f6nnen \u2013 daf\u00fcr m\u00fcsse doch Zeit sein. Oder mache ihnen das auch zu viel Stress? Fr\u00fcher hatte Ulla f\u00fcr ihren Mann und ihre Kinder auch immer abends eine Suppe gekocht, damit sie alle wenigstens einmal am Tag etwas Vern\u00fcnftiges essen. Aber schnell eine Pizza in den Backofen und dann vorm Fernseher auf die Couch. So sieht heute bei vielen Familien das gemeinsame Abendessen aus.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>Gegen 14.00 Uhr geht es zur\u00fcck in den Garten. Ullas Nachbarn sind nicht da. Vielleicht kommen sie abends zum Gie\u00dfen, denkt Ulla und widmet sich wieder einer ihrer Zeitschriften. Die Promis haben es ihr so ganz und gar nicht angetan. Ulla verstehe nicht, dass besonders junge Menschen (wer sonst) sich mit den sogenannten VIPs vergleichen und am liebsten genauso leben und genauso ber\u00fchmt sein w\u00fcrden. Haben die \u00fcberhaupt kein Selbstbewusstsein? Ulla bevorzugt Zeitschriften, in denen Lebensweisheiten, Rezepte und Deko-Ideen zu finden sind. Einiges an Dekorationen mache aber so \u00fcberhaupt keinen Sinn. Zum Beispiel \u00c4ste zu sammeln und zu trocknen, um sie dann zusammengebunden aufs Fensterbrett zu legen. Unsinnige Staubf\u00e4nger, wie Ulla so gerne sagt.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>Am sp\u00e4ten Nachmittag h\u00f6rt Ulla Kinderstimmen, die von zwei G\u00e4rten entfernt zu ihr schallen. Sie schl\u00e4gt ihre Zeitschrift zu, steht auf und geht zum Gartenzaun, um besser erkennen zu k\u00f6nnen, was dort los ist. Die P\u00e4chter dieses Gartens, auch Rentner, haben f\u00fcr ihre Enkel einen Pool aufgestellt und lassen die Kinder im Wasser toben. Ulla kann es kaum fassen. Werktags so ein Krach. Den hat sie doch schon in der Innenstadt, wo sie wohnt. Die Gartenanlage ist l\u00e4rmfreie Zone, findet Ulla und sie \u00fcberlegt, ob sie hingehen soll, um sich zu beschweren. Auf einmal h\u00f6rt sie die Stimme ihrer Nachbarin. Sie dreht sich um und sieht sie zusammen mit ihrem Mann, der bereits den Gartenschlauch in der Hand h\u00e4lt und die Beete gie\u00dfen will. \u00bbDas ist doch nicht zu glauben, oder wie findet ihr das?\u00ab, fragt Ulla. Die beiden Eheleute lachen und die Frau antwortet: \u00bbWarte bis unsere Enkel kommen. In den Sommerferien werden sie die ganzen sechs Wochen bei uns sein und wir kommen jeden Tag hierher.\u00ab Ulla ist schockiert \u00fcber so viel Dreistigkeit und entgegnet: \u00bbDann werde ich mich beschweren. Die Gartenanlage ist schlie\u00dflich kein Spielplatz.\u00ab Aber die beiden Rentner lachen nur und als Ulla noch etwas sagen m\u00f6chte, schmei\u00dft der Mann den Gartenschlauch an und gie\u00dft seelenruhig seine Beete.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>Ulla beschlie\u00dft, nach Hause zu fahren. Sie packt ihre Sachen zusammen, schlie\u00dft die Laube ab und verl\u00e4sst die Gartenanlage. Als Ulla an dem Garten vorbeif\u00e4hrt, wo die Kinder im Pool schwimmen, sieht sie deren Gro\u00dfvater winken und grinsen. Ulla h\u00e4lt an und steigt von ihrem Rad. Das will sie sich nicht bieten lassen und ruft: \u00bbEs ist mein gutes Recht, mich zu beschweren. Das ist nicht in Ordnung, was Sie hier machen.\u00ab Der Mann lacht, winkt ab und br\u00fcllt: \u00bbAch du, meckere ruhig rum. Das h\u00e4lt dich ja am Leben!\u00ab<\/p><p>\u00a0<\/p><p>Mit viel Wut im Bauch macht sich Ulla auf den Weg. Unterwegs wird sie von einem Autofahrer \u00fcbersehen und beinahe angefahren. Im letzten Moment kann der Mann noch bremsen und br\u00fcllt: \u00bbAuch Alte haben den Radweg zu benutzen! Was glauben Sie denn, wer Sie sind?\u00ab Ulla kreischt: \u00bbAch halten Sie die Klappe! Leisten Sie erst mal das, was ich im Leben geleistet habe, dann k\u00f6nnen Sie so mit mir reden.\u00ab<\/p><p>\u00a0<\/p><p>Zu Hause l\u00e4sst sie ihre W\u00e4sche h\u00e4ngen und geht direkt in ihre Wohnung. In ihrer K\u00fcche fragt sich Ulla, ob sich die P\u00e4chter in der Gartenanlage gegen sie verschworen haben. Wie solle sie es dort noch aushalten, wenn alle gegen sie sind? Ulla m\u00f6chte doch nur ihre Ruhe haben. Mit zwei Tomatenstullen geht sie ins Wohnzimmer und schaltet den Fernseher an. Nach <em>Perfektes Dinner<\/em> schaut Ulla noch <em>Tagesschau<\/em> und dann vielleicht einen Krimi, falls einer im <em>Ersten<\/em> oder <em>Zweiten<\/em> kommt. Manchmal guckt Ulla auch <em>NDR<\/em>. Aber lange dauert es nie, bis Ulla ins Bett geht.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>Dann liegt Ulla auf ihrer Liege, trommelt mit den Fingern auf der Bettdecke und wartet darauf, dass der n\u00e4chste Tag beginnt. Morgens wird sie die Bauarbeiter begr\u00fc\u00dfen, sie wird fr\u00fchst\u00fccken gehen (auch ohne Christel), sie wird zu ihrem Garten fahren, sie wird mittags zur\u00fcck in ihrer Wohnung sein, sie wird den Nachmittag in ihrem Garten verbringen, sie wird sich abends wieder in ihrer K\u00fcche zwei Stullen schmieren, mit Tomate, Gurke oder Frischk\u00e4se, und dann wird Ulla fr\u00fch ins Bett gehen und hoffen, dass am n\u00e4chsten Tag die Zeit genauso schnell vor\u00fcbergeht \u2013 an einem oder keinem so sonnigen Tag.<\/p><p>\u00a0<\/p><p>\u00a0<\/p><p>Unverk\u00e4uflicher Text von Doreen Gehrke. Die Verwendung dieses Textes, ob nun auszugsweise oder in vollem Umfang, ist ohne schriftlicher Zustimmung von Doreen Gehrke urheberrechtswidrig. Auch eine \u00dcbersetzung des Textes sowie die Verwendung in elektronischen Systemen ist strafbar.<\/p><p><img src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/d2914f1fac6c499e9bb22a49184edf22\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>","_et_gb_content_width":"","advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[42],"tags":[49],"class_list":["post-1186","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte","tag-texte"],"acf":[],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9Ec4h-j8","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.doreen-gehrke-verlag.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1186","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.doreen-gehrke-verlag.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.doreen-gehrke-verlag.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.doreen-gehrke-verlag.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.doreen-gehrke-verlag.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1186"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.doreen-gehrke-verlag.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1186\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1940,"href":"https:\/\/www.doreen-gehrke-verlag.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1186\/revisions\/1940"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.doreen-gehrke-verlag.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1186"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.doreen-gehrke-verlag.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1186"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.doreen-gehrke-verlag.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1186"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}