»Als müssten sie ständig vögeln, um frei zu sein. … Ich finde das unheimlich, weißt du. Die machen das nicht, weil sie wollen. Jedenfalls nicht die Mädchen. Die müssen das machen, wenn nicht, sind sie spießig. Verstehst du, was ich meine? Ich könnte das nicht. Ich könnte mich selbst nie so gering schätzen. … Unheimlich daran ist nur, dass die alle denken, sie würden die Welt verändern. Dabei reden und streiten sie die ganze Zeit. Sitzen bis zwei Uhr früh zusammen und labern dummes Zeug. … Aber die glauben, wenn du möglichst viel Pot rauchst und vögelst, dann verschwindet alles Böse. Die sind wie … Kinder.«, erzählt Tozer ihrem Kollegen Detective Breen von ihren Erfahrungen mit den Hippies eines besetzten Hauses, das unter Verdacht steht, Umschlagplatz für Drogen zu sein.

Für Breen ist diese Zeit des Londons im Jahre 1968 eine ganz andere Welt, ungreifbar und unwirklich. Hippies als die neuen Freigeister auf der einen Seite und korrupte Cops in Breens Abteilung auf der anderen Seite, die selbst über sich sagen: » … D Devision 1968. Wir sind die verfluchten Könige von ganz London, jawohl, das sind wir.« Breen ist der typische Antiheld, ein Eigenbrötler, skeptisch, kritisch und korrekt. Ohne seinen Job, weiß er nichts mit sich anzufangen. Aufgewachsen in einem »frauenlosen« Haus, allein mit seinem Vater, fällt es ihm schwer, Kontakt mit Frauen zu finden, geschweige denn eine Beziehung zu führen. Seinen kranken Vater hat er bis zum Schluss gepflegt, ihn zu Letzt ins Krankenhaus gebracht und für sich gehofft, dass es mit ihm zu Ende geht. Was auch geschieht, mit Beginn des Buches und worüber Breen später selber sagt: »Mein Vater hat sich mit dem Sterben lange Zeit gelassen. … Ich habe mir gewünscht, er würde sich ein bisschen mehr beeilen.«

Immer wieder tauchen Rückblicke über das Zusammenleben mit seinem Vater auf, gut dosiert, niemals zu viel, man lernt William Shaws Protagonist kennen. Seine Entwicklung ist vielschichtig, er fühlt sich hin- und hergerissen. Zuletzt spielt er das gefährliche Spiel der Macht mit. Sein Verhalten reflektiert sich so: »Teilweise war Breen schockiert, wie leicht ihm das alles fiel. Die nackte Angst in Creamers Blick. Sein eigenes Gefühl von Macht. Eigentlich müsste er sich selbst verachten. Das war der Stil von Oliver Tarpey, die Geheimnisse einer Person gegen diese selbst zu verwenden. … Langsam voranschreitende Korruption.«

Neben »Abbey Road Murder Song« ist »Kings of London« der zweite Band der Trilogie um Detective Breen und Constable Tozer. Ich habe das erste Buch nicht gelesen, habe aber nicht Eindruck gehabt, ich hätte den ersten Band lesen müssen, um den zweiten zu verstehen. Die gesellschaftlichen Hintergründe in diesem Buch werden sehr gut geschildert und scheinen mir vom Autor intensiv recherchiert. Das sollte man von einem Journalisten auch erwarten können. Die Übersetzung scheint mir sehr gelungen. Der Text liest sich flüssig, der Spannungsbogen wird bis zum Schluss gehalten. Anders als die Leseprobe hat mich das Buch sehr gepackt. Ein gelungener Kriminalroman, den ich nur weiterempfehlen kann.

 

Unverkäuflicher Text von Doreen Gehrke. Die Verwendung dieses Textes, ob nun auszugsweise oder in vollem Umfang, ist ohne schriftlicher Zustimmung von Doreen Gehrke urheberrechtswidrig. Auch eine Übersetzung des Textes sowie die Verwendung in elektronischen Systemen ist strafbar.