Mondschein fällt silbern durch das Fenster auf sein Bett, streift den Nachttisch und legt sich auf sein Gesicht. So liegt er da, regungslos bei ruhigem Atmen und schaut zu dem im Wind tanzenden Ast, der leise aber fortwährend an die Fensterscheibe klopft. Das Klopfen hält ihn aber nicht wach. Es sind die Schuldgefühle. Sie überkommen ihn − nicht schleichend, nicht nach und nach, sondern ganz plötzlich. Von der einen Sekunde zur anderen sind sie da und setzen sich in seinem Kopf fest. Er weiß, er wird auch diese Nacht nicht schlafen können.

›Aber macht es noch einen Sinn, dieses Schlafen?‹, fragt er sich. ›Habe ich nicht schon lange genug geschlafen? All die ganzen Jahre, geschlafen?‹

Die Tür zum Zimmer öffnet sich. Es ist Schwester Karin, die hereinkommt und an sein Bett tritt.
›Die junge Frau ist nett‹, sagt er sich und schenkt ihr zum Dank sein schönstes Lächeln.
Schwester Karin freut sich über diese nette Geste und sagt: »Herr Schimmel, ich wünschte alle Patienten wären so höflich wie sie. Viele behandeln uns, Schwestern, als gehörten wir zum Inventar des Krankenhauses, das man herumstoßen kann wie man möchte. An uns könne man ruhig seine Schmerzen, seinen Frust und was weiß ich noch alles auslassen. Aber Sie sind nicht so, Herr Schimmel. Obwohl ich gerade Ihren vielen Verletzungen wegen Beleidigungen und Beschimpfungen ertragen könnte. Aber Sie, Herr Schimmel, sind ein ganz lieber.«

Ihre Worte quälen ihn, und er kann dieses schöne Gesicht nicht mehr ansehen. Er wendet seinen Blick ab, schaut zu dem im Wind tanzenden Ast und denkt: ›Sie weiß ja nicht, wie ich vorher war, als ich noch gesund war, als ich noch nicht diesen Unfall hatte, als ich meiner Frau noch Schmerzen bereitete. Und selbst jetzt, wo ich hier liege und nicht bei meiner Rosa bin, befallen Sorge und Kummer ihr Herz.‹
»So, Herr Schimmel, Ihre Schmerzmittel sind jetzt aufgefrischt. Wir sehen uns dann morgen Früh wieder. Ich wünsche eine angenehme Nacht.«

Er nickt.

Die Tür zum Zimmer schließt sich. Stille kehrt zurück, überflutet den kalten Raum und lässt allein das Klopfen des im Wind tanzenden Astes gewähren.

›Ein schönes Geräusch‹, sagt sich Herr Schimmel, und ihm fallen die vielen Klavierstunden seiner Frau wieder ein.

Als das jüngste Kind das Haus verlassen hatte, suchte sie eine Beschäftigung, eine Ablenkung, um nicht ständig an die Kinder und an das verwaiste Haus, in das sie dann mit ihrem Mann alleine lebte, denken musste. Er machte sich über sie lustig. Ständig tat er das. Nicht nur, wenn sie Klavier spielte, sondern auch wenn sie nicht Klavier spielte und das sogar, wenn beide bei Freunden und Verwandten eingeladen waren. Es war demütigend. Ständig war es das.

›Selbst dann, wenn sie etwas anderes als Klavierspielen für sich gefunden hätte. Ja, ich glaube, selbst dann hätte ich mich über sie lustig gemacht. Ich war ihr kein guter Ehemann, vom allerersten Tage an.‹
Er erinnert sich an ihre Hochzeit. Beinahe dreißig Jahre ist das her. Die vielen Gäste, das gute Essen, der festlich dekorierte Saal.

›Wie schön das damals doch war. Und Rosa war so schön, so wunderwunderschön. Überall kleine Röschen auf ihrem Kleid. Ihr schönes, ihr so wunderwunderschönes Kleid. Ich habe mich über die Röschen lustig gemacht. Es wären zu viele, sie wären zu klein, sie wären in der falschen Farbe. Warum habe ich das nur gesagt? Sie war so schön, so wunderwunderschön. Meine Rosa mit ihren Röschen.‹
Tränen rollen seinen Schläfen entlang und fallen auf das Kissen.

Herr Schimmel hat seine Frau zu einem Nervenbündel gemacht. Eine Wandlung − wie von einem unbändig lodernden Feuer im Sturm zu einer flackernden Kerze bei leichter Brise. Wenn man ihr sagte, sie sei gar nicht mehr wiederzuerkennen, fühlte er sich bestätigt, in seinem Können, in seiner Begabung, in seiner eigens hoch geschätzten Fähigkeit, andere zu denunzieren. Irgendwann fiel ihm auf, wie ängstlich seine Frau geworden war, wie sie bei einer bloßen Regung von ihm, nervös in sich zusammenzuckte. Herr Schimmel genoss ihre Angst und liebte die Kontrolle, die er über sie hatte.
Nur einmal, ein einziges Mal kam ihm der Gedanke, es vielleicht doch übertrieben zu haben. Es war bei der Beerdigung ihrer Mutter. Herr Schimmel hatte diese Frau gehasst, und ihr Tod verschaffte ihm eine ausgesprochen gute Laune, ja nahezu eine überschäumende Vorfreude auf die Dinge, die sich an diesem Tag ereignen sollten. Nach der Rede des Pfarrers und der liebevollen Worte seiner Frau, wurde der Sarg der toten Mutter nach unten in das Grab gelassen. In diesem Moment überkam es ihm, und er spottete laut: »Rosa, nur gut, dass deine Mutter nicht so dick ist wie du, sonst hätte ich noch mehr Geld ausgeben müssen.« Verstörte Blicke, Kopfschütteln, Empörungen, Tränen − das alles störte ihn nicht. Herr Schimmel freute sich, seine Schwiegermutter losgeworden zu sein und nur daran konnte er denken. Erst beim Traueressen, als er merkte, dass niemand mit ihm reden wollte, fragte er sich, ob er zu weit gegangen war. Er dachte sogar darüber nach, sich zu entschuldigen. Natürlich nicht vor allen Gästen, aber bei seiner Frau hätte er es womöglich getan, wenn es denn zu einem nach seiner Einschätzung nach passenden Augenblick gekommen wäre.

›Es waren so viele passende Augenblicke‹, denkt Herr Schimmel. ›Viel zu viele Augenblicke waren es, und ich habe sie alle vorbeiziehen lassen. Ich habe es verdient, dass Freunde und Bekannte sich abwenden und mich nicht besuchen kommen. Was sollten sie auch jetzt noch mit einem Krüppel wie mir anfangen? Einem, der die viel zu vielen Augenblicke hat ungenutzt verstreichen lassen? Niemand würde es ihr verdenken, wenn sie sich den anderen anschließe und mir fernbliebe. Aber gerade sie bleibt bei mir, besucht mich jeden Tag, kümmert sich um mich, tätschelt mir die Wange, fährt mit ihrer warmen Hand durch mein Haar und küsst mich. Die Schwestern sagen, die meisten Patienten würden mich um meine Frau beneiden. Dabei habe ich sie gar nicht verdient. Meine Rosa. Meine liebe kleine Rosa, die zu mir steht und mich liebt.‹

Der im Wind tanzende Ast klopft ununterbrochen an die Fensterscheibe, spielt einen Rhythmus, spielt ihn ruhig im immer gleichen Takt.

Sonnenschein fällt golden durch das Fenster auf sein Bett, streift den Nachttisch und legt sich auf sein Gesicht. Seine Nase kitzelt und seine Augenlider öffnen sich. Der Raum steht im hellen Glanz, und es scheint, als tanze die Luft im Sonnenlicht. Herr Schimmel schaut zum Fenster und zu seinem Ast, seinem im Wind tanzenden Ast. Aber keine Spur einer Regung; der Wind ist eingeschlafen. Er muss schmunzeln und denkt an seine Frau, die bestimmt bald kommen und seine Hand halten wird. Dabei hält sie bereits seit dem frühen Morgen seine Hand, und als sie dann seinen Arm streichelt, bemerkt er sie und muss verlegen lachen.

»Du hast so tief und fest geschlafen, dass es niemand gewagt hat, dich zu wecken«, sagt sie und streicht ihm übers Haar.

»Ich habe endlich mal schlafen können. Ich dachte schon, ich hätte vergessen, wie das geht. Schön, dass du wieder hier bist.«

»Ich bin gerne hier. Außerdem nerven mich die Umbauarbeiten im Haus. Bei dem Lärm kann ich sowieso kein Klavier spielen.«

Herr Schimmel lächelt, und ihm fällt das Gedankenspiel der letzten Nacht ein. Seine Augen beginnen zu glitzern, und er sagt: »Als ich jung war, hätte ich nie gedacht, jemanden so wehtun zu können wie ich dir wehgetan habe. Du hast dir bestimmt eine andere Ehe gewünscht.«
»Mach dir keine Gedanken, Schatz.«

»Ich mache mir aber Gedanken. Es muss furchtbar für dich gewesen sein, als du gemerkt hast, dass sich dein Superman immer mehr zu einem Tyrannen entpuppt.«

Seine Frau lächelt gequält und stimmt ihm nickend zu. »Menschen verändern sich nun mal. Denke jetzt nicht daran. Du musst dich ausruhen.«

»Nein, Rosa, ich habe mich schon viel zu lange ausgeruht. Auf dein Herz, Rosa, auf dein Herz und auf deine Fähigkeit, immer alles einzustecken und auszuhalten, habe ich mich ausgeruht. All die ganzen Jahre, Rosa. Damit muss endlich Schluss sein, sonst …«

Sie beginnt zu weinen und legt ihre Stirn auf seine Brust.
»Rosa, es tut mir leid. Ich weiß, ich kann es nie wiedergutmachen. Aber von heute an werde ich dir ein guter Ehemann sein.«

Sie schaut zu ihm hoch, streicht ihm weiter übers Haar und flüstert mit tränenerstickter Stimme: »Ja, ich weiß. Aber denke nicht, ich wüsste den Grund für deine Verwandlung nicht. Für mich tust du es nicht. Dennoch, es ist okay. Lass uns nach vorne schauen und nicht zurück. Lass uns neu beginnen und die Vergangenheit ruhen lassen. Lass uns das Leben genießen. Du hast jetzt gemerkt, wie schnell es vorbei sein kann.«

 

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