Zu Weihnachten 2014 schenkte mir meine Mutter das damals neue Buch von Nele Neuhaus »Sommer der Wahrheit«, ein im Klappentext erklärter »Unterhaltungsroman für Erwachsene«, den die Autorin unter ihrem Mädchennamen – Nele Löwenberg – im Verlag Ullstein veröffentlichen ließ. Zuvor hatte ich noch nie etwas von Nele Neuhaus gelesen oder auch nur von ihr als Bestseller-Autorin gehört. Ich weiß, wenn ich mir mal die Bestseller-Listen anschauen würde, dann hätte ich schon öfters etwas von Nele Neuhaus gehört. Aber ich wäre ja dann nicht ich selbst. Jedenfalls meinte meine Mutter, dass diese Autorin, wie ich, ihre ersten Bücher selbst verlegt hätte und dann ganz erfolgreich wurde. Später fand ich heraus, dass Nele Neuhaus nicht wie ich selbst verlegt hat, sondern im Verlagshaus Monsenstein und Vannerdat über eine Selfpublishing-Plattform verlegen ließ. Selbstverleger zu sein, bedeutet seine Bücher tatsächlich allein zu verlegen – über einem Gewerbe (wie dem Doreen Gehrke Verlag) als Einzelunternehmer. Hm, aber es sollte wohl ein Wink mit dem Zaunpfahl sein – Mach es doch genauso wie Nele Neuhaus? Genauso was? So zu schreiben wie Nele Neuhaus?

Meiner Mutter zuliebe las ich das Buch und war erschüttert. Auf den genauen Inhalt werde ich hier nicht eingehen, lest das Buch doch selbst. Der Titel »Sommer der Wahrheit« sowie die Überschrift auf der Buchrückseite »Wenn ein Sommer dein ganzes Leben verändert« suggerieren, dass es sich um einen einzigen Sommer handelt, in dem etwas ganz Aufregendes und Spannendes geschehen muss. Tatsächlich umfasst der erzählte Zeitraum etwa 1 ½ Jahre, von einem Frühsommer bis zu Weihnachten des darauffolgendes Jahres und demnach zwei Sommer, in denen das Mädchen Sheridan Grant wie am Fließband schreckliche Dinge erlebt. Sie erlebt und erlebt und erlebt, aber reflektiert nicht.

Ganz seltsam beginnen sich, nach einem etwa 45 Seiten langen extrem langweiligen Einstieg die Ereignisse zu überschlagen, so dass man bereits nach etwa 100 Seiten des 490 Seiten starken Buches im Winter angelangt ist. Wenn man dann, wie zuvor erwähnt, nur von einem Sommer ausgegangen ist, fragt man sich, welcher Sommer ist mit »Sommer der Wahrheit« gemeint und wie viele Sommer wird es in diesem Buch wohl noch geben? Vielleicht vier? Könnte mit Bezug zum Erzähltempo und den noch ausstehenden Seiten hinkommen. Die Protagonistin Sheridan ist zu Beginn der Geschichte 14 Jahre alt (S. 49). Die Autorin hatte sich für den Ich-Erzähler entschieden, aber die gewählte Sprache ist die eines Erwachsenen. Okay, es soll ein »Unterhaltungsroman für Erwachsene« sein, aber hätte man dann nicht lieber eine auktoriale Erzählform wählen sollen?

Beim Lesen bin ich dann und wann auf Stellen gestoßen, die mich irritierten und die ich hier an Beispielen wiedergebe. »Er setzte sich auf den tiefhängenden Ast der alten Ulme, und ich setzte mich dicht neben ihn. So hatten wir manches Mal gesessen, früher, nach der Schule, als wir noch Kinder gewesen waren.«, (S. 49) – der Gedankengang einer 14-Jährigen, als ob das Kindsein schon so lange her wäre. »Gesindehaus«, (S. 21) – die Geschichte spielt in Nebraska in den Jahren 1994/95. »…, begehrte ich auf.«, (S. 25), »…, um mich noch ärger zu bestrafen.«, (S. 27), »Sie war so groß wie Dad, aber mehr als doppelt so dick – ein Trumm von einer Frau, …«, (S. 37), »… Mills-Sippe.«, (S. 42), »Von ferne …«, (S. 57), »Er kam sehr auf seiner Mutter heraus, …«, (S. 61), »Als ich geendet hatte und …«, (S. 90), »Selten hatte ich mich so gut gefühlt wie heute Morgen beim Frühstück, als Mutters Boshaftigkeit an meiner granitenen Gleichgültigkeit gescheitert war.«, (S. 112), »In dieser Sekunde fiel mir siedend heiß ein, dass …«, (S. 136), »Sie war ein süßes, hübsches Kind gewesen, das so gar nicht in diese bierernste Familie passen wollte.«, (S. 160), »›Ich muss los‹, sagte ich deshalb, bevor er mich für debil halten würde, …«, (S. 216), »Ich schulterte meinen Rucksack.«, (S. 321), »Schluchzend klaubte ich meine Siebensachen von der Straße, …«, (S. 325).

Ich weiß, ich bin ganz sicher kein Sprach-Experte und möchte auch nie einer werden. Es heißt ja auch: Jeder nach seiner Fasson. Aber als Jugendbuchautorin hat mich Nele Neuhaus’ Wortwahl einfach geärgert. Zudem halte ich die Protagonistin für unglaubwürdig. Kein Teenager erlebt das, was Sheridan Grant alles erlebt und verhält sich dabei so, wie sich dieses Mädchen verhält. Kurz vor ihrem 15. Geburtstag verlässt ihr guter Freund Jerry die Stadt, und sie hat zum ersten Mal Liebeskummer. Wenig später entdeckt sie ihre Sexualität. Motiviert durch die Erotikromane ihrer Tante, probiert sie sich aus und macht den Farmarbeitern schöne Augen. Mit Danny hat sie zum ersten Mal Sex und trifft sich oft mit ihm. Noch im gleichen Sommer beginnt sie eine Affäre mit einem unansehnlichen Schriftsteller, der sich später als ihr neuer Lehrer entpuppt. Sie droht ihm mit einer Anzeige, sollte er sie nicht in Ruhe lassen und kommt mit Brandon zusammen, dem Gitarrist aus der Schülerband. Der Sex mit dem unerfahrenen Teenager ist für sie enttäuschend, und sie sehnt sich nach Nicholas, einem Rodeo-Cowboy, der aber, wie man später erfährt, schwul ist und sie abweist. Zu Hause wird Sheridan von ihrer Mutter wie eine Aussätzige behandelt, einer ihrer Stiefbrüder schlägt sie zusammen und versucht, sie zu vergewaltigen. Nebenbei findet sie heraus, dass die Schwester ihrer Adoptivmutter, Carolyn Cooper, ihre leibliche Mutter ist und früher aus unerklärlichen Gründen die Stadt verlassen hat. Man sollte meinen, das Mädchen hat was Besseres zu tun, als sich Männern an den Hals zu werfen. Nach einer Halloween-Party wird sie dann von einem Polizisten, der sie vorher mehrfach stalkte, vergewaltigt, und sie erschlägt ihn mit einem Stein. Zuvor hat sie sich wegen diesem Mann nie jemandem anvertraut, nicht einmal Nicholas, der dann die Leiche verschwinden lässt. Hat aber ihre Haare gefärbt und geschnitten und wohl gedacht, dass er sie nicht finden würde. Aber was die Figur Sheridan Grant denkt, bleibt dem Leser zumeist ein Geheimnis. Dann in der Halloween-Nacht verlässt sie als letzte die Party und geht ganz allein zu ihrem Wagen auf dem schlecht beleuchteten Parkplatz. Was? Ist Sheridan Grant auf ihrer Schule so wichtig, dass sie alles organisieren und kontrollieren muss? Jemand, der so traumatisiert und in großer Angst ist wie sie, kann cool genug sein, den Party-Planer zu spielen? Nur gut, dass auf dem Parkplatz ein großer Stein lag, griffbereit für die zierliche Sheridan Grant. Leider wird sie schwanger, aber Gott sei Dank kennt Nicholas jemanden, der die Abtreibung durchführen kann. Dann aber bekommt sie Blutungen, auch das noch, und muss ins Krankenhaus. Ihrem Adoptivvater vertraut sie sich endlich an, auch damit Nicholas entlastet ist oder vielleicht auch nur deswegen, weil er der Vergewaltigung verdächtigt wird. Zu guter Letzt beginnt sie eine Affäre mit dem neuen Pfarrer, der ihr mit den Tagebüchern ihrer Mutter hilft, weil diese Passagen in Altgriechisch geschrieben hat und er kann zufällig Altgriechisch. Auch nicht schlecht, wenn jemand in einem abgeschiedenen Landstrich irgendwo in Nebraska Altgriechisch lernt und diese Sprache als Geheimsprache verwendet, damit die böse Schwester, Sheridans Adoptivmutter, den Inhalt nicht versteht. Sheridan liebt Horatio, den verheirateten Pfarrer und zweifachen Vater, will ihm aber nicht wehtun und auch nicht seiner Karriere schaden. Am Weihnachtsabend verlässt sie die Farm Richtung New York, wo ein Musikproduzent mit ihr eine CD aufnehmen möchte.

Schön, wie sich das alles zusammenfügt. Man darf nicht vergessen, dass Sheridan neben Sex, Schlägen, Vergewaltigung und versuchten Vergewaltigungen, Abtreibung, dem Lösen des Rätsels um ihrer Mutter und ihrer Adoption noch an ihrer Musikkarriere gebastelt hat. Wow, so eine Geschichte würde mir im Leben nicht einfallen. Während des Lesens habe ich oft an meine Figuren gedacht und mich immer wieder gefragt, warum Sheridan Grant nie richtig in sich geht und sich fragt: Was mache ich hier eigentlich? Meine Charaktere hinterfragen sich ständig. Aber bei Nele Neuhaus wird zumeist nur agiert, und das Tempo war für mich kaum auszuhalten. Und ist es nun das, was von vielen Lesern erwartet wird? Viele Ereignisse, schnell aufeinanderfolgend ohne Reflexion?

Ich dachte dann, dass dieses Buch vielleicht ein Ausrutscher sei und die tatsächlichen Bestseller von Nele Neuhaus mir besser gefallen würden. Sie wären gut strukturiert, hätten eine passende Sprache, die Charaktere wären glaubwürdig, Handlungen wären nachvollziehbar. Ich entschied mich, den Spiegel-Bestseller »Unter Haien« zu lesen und war erschüttert. Alex Sontheim, eine junge Investmentbankerin, die beste ihres Fachs, schafft es jeden, wirklich noch so schwierigen Deal erfolgreich auszuhandeln. Aber diese Person, die, noch dazu als Frau, sicher vielen Neidern und hinterhältigen Kollegen im Laufe ihrer Karriere begegnet sein muss, bekommt nicht mit, wie sie als Marionette für illegale Geldgeschäfte benutzt und kontrolliert wird? Wie konnte die Frau so erfolgreich werden, wenn sie keinen Instinkt hat und kein Misstrauen gegenüber anderen Kollegen hegt? In diesem Geschäft muss man doch immer davon ausgehen, dass jemand einen ans Bein pinkeln will. Naiv wie sie ist, führt ihr Weg direkt ins Bett des dubiosen Geschäftsmanns Sergio Vitali. Bereits früh warnt sie New Yorks Bürgermeister vor diesen Mann. Nicholas Kostidis war zuvor Bundesstaatsanwalt und hat erfolgreich gegen die Korruption in dieser Stadt gekämpft. Das weiß auch Alex Sontheim. Hier hätte sie sich fragen müssen, warum der Mann sie warnt und anfangen müssen, selbst zu recherchieren. Wenn man bis ins kleinste Detail für Firmenfusionen nach Daten und Fakten sucht, um Firmenmarktwerte und Angebote festlegen zu können, dann hinterfragt man auch Warnungen, insbesondere wenn sie vom Bürgermeister der wichtigsten Stadt in den USA kommen. Zudem tritt Alex Sontheim die Nachfolge von Gilbert Shanahan an, der zuvor von einem LKW überrollt wurde, als er auf dem Weg zu einer Anhörung vor der Börsenaufsichtsbehörde war. Eine Anhörung ist ein offizieller Termin. Es muss sich herumgesprochen haben, und ich kann mir nicht vorstellen, dass Alex Sontheim davon nichts gehört haben will. Und man nimmt doch bei einer Firma keine Stelle an, die unter Verdacht steht, illegale Geschäfte zu tätigen. Aus welch anderen Grund hätte die Börsenaufsicht Gilbert Shanahan vorladen sollen? Der Mann hat einen Termin gehabt, er ist nicht aus dem Büro gelaufen Richtung Börsenaufsichtsbehörde, weil er so schnell wie möglich jemanden etwas verraten wollte. Die Börsenaufsicht muss selbst oder durch einen Spitzel in der Firma davon Wind bekommen haben.

Gleich am Anfang der Geschichte hat Nele Neuhaus diesen riesigen Fehler gemacht, der vielleicht kaum jemandem aufgefallen ist. Aber mir ist er aufgefallen, und darum war dieses Buch bereits am Anfang für mich gestorben, und die Figur Alex Sontheim war für mich von Beginn an nur ein Witz in einem Kostüm. Es ist das gewohnte Tempo aus »Sommer der Wahrheit« und schlimmer, die Zeit überholt sich selbst. Die auktoriale Erzählform wurde gewählt, was auch notwendig war, weil teilweise die zeitgleichen Ereignisse an drei Stellen geschildert werden – Alex, Vitali und Kostidis.

Bei diesem knapp 670 Seiten starken Schinken musste ich dann und wann mit der Stirn runzeln oder mit dem Kopf schütteln. Auf einige Beispiele möchte ich hier nicht verzichten. »…, wie vernarrt er in dieses blonde Weibsstück war. …«, (S. 49) – Alex Sontheim ist eine blondhaarige Frau, richtig, aber auf dem Cover hat sie dunkle Haare. Hier hat der Verlag gepennt. »Auf dem großen Platz vor der Villa parkten eine Menge Autos, und ein sonnenbebrillter Mann wies ihr einen Parkplatz zu.«, (S. 102), »› Na ja‹, Zack schürzte die Lippen …«, (S. 103), »Nick hatte seit diesem Gespräch oft über Rosenbaums Worte nachgegrübelt.«, (S. 131) – gegrübelt oder nachgedacht, soviel ich weiß, »Motten umspukten die Laterne, …«, (S. 132), »›Jerome‹, Nick reicht dem rotgesichtigen Mann …«, (S. 141), »Der Fuchswallach stob los wie mit einem Kickdown, …«, (S. 178) und »… und diese parierte den Fuchs ein paar Meter vorher durch, …«, (S. 179) – nicht jeder Leser reitet oder hat schon mal was von einem Kickdown gehört, »Sergio wurde durch das Erscheinen des Chef de Cuisine einer Antwort enthoben, …«, (S. 211), »Nur zehn Minuten später hielt der Streifenwagen in einer Stichstraße …«, (S. 222) – bei genauen Zeitangaben mit Stoppuhr?, »›Es … es ist wahr‹, murmelte er nach einer Weile, und sein Selbstbewusstsein fiel wie Asche in sich zusammen.«, (S. 329), »Levy vergaß seine gute Erziehung und fluchte wie ein Droschkenkutscher.«, (S. 552) – in den Jahren 1999 bis 2001 passt das nicht, »…›es ist gleich halb sechs.‹« und »Aber im Licht der Morgendämmerung …«, (S. 566) – im Dezember setzt die Morgendämmerung ganz sicher nicht um halb sechs ein, »› dass mein Name in einer Reihe mit einem Kretin wie Kostidis steht!‹«, (S. 573), »Nick ließ das Telefon dreißigmal klingeln.«, (S. 575) – kein Mensch bei gesunden Menschenverstand lässt das Telefon dreißigmal klingeln und hat dann noch dabei mitgezählt, »Der Polizeichef flog herum und starrte den stellvertretenden Leiter des FBI überrascht an.«, (S. 580), »›Was sagen Sie zu diesen Vorwürfen?«, ließ sich Jenkins vernehmen.«, (S. 584), »Er seufzte abgrundtief.«, (S. 597), »›Jenkins setzt mir das Messer auf die Brust.‹«, (S. 606) – hält mir das Messer⁄die Pistole vor die Brust, soviel ich weiß, »Es würde für Vitali keine Möglichkeit mehr geben, sich diesem Vorwurf zu entwinden.«, (S. 616).

Stellenweise sind Wörter gewählt worden, die man nur noch selten spricht. Ich verstehe nicht, warum darauf nicht geachtet wird. Die Verlage haben doch alle super Lektoren. Für meine Jugendbücher habe ich auch keine anspruchsvolle Sprache gewählt, aber ich verkaufe ja auch keine Bestseller. Offensichtlich geht es auch gar nicht um Sprache, sondern um Ereignisse wie am Fließband, die das Buch spannend machen sollen, unterhalten sollen – ein Unterhaltungsroman, nichts weiter. Ob das alles Sinn macht und tatsächlich so vonstattengehen kann, hinterfragt der Bestseller-Leser nicht? Wie auch immer, ich bin kein Bestseller-Leser. Aber ich verstehe jetzt, warum Nele Neuhaus so erfolgreich ist.

Zurück zum Buch. Ich finde es seltsam, dass Alex Sontheim, nachdem sie von Sergio Vitali vergewaltigt wird, nicht aus seinem Apartmenthaus auszieht, nach einer Zeit lang wieder mit ihm schläft und sogar meint, sich gegenüber einem Mafiaboss behaupten zu können. Als sie in die Schweiz flieht, nimmt sie in ihrem Hotelzimmer ein Schaumbad und trinkt Champagner, während zwei ihrer Helfer verschwunden sind, vielleicht ermordet im Hudson River rumschwimmen. Die Frau ist ja so cool. Zurück in New York trägt sie sich unter dem gleichen Namen wie im Schweizer Hotel ein, aus dem sie Tage zuvor nach Deutschland flüchten musste. Also wussten Vitalis Männer unter welchem Namen sie dort gemeldet war. Wie dämlich kann eine so clevere Geschäftsfrau sein? Hat die nie James Bond gesehen? Zuerst habe ich das gedacht, als ich las, wie sie in bester Agentenmanier über Lüftungsschächte das Bürogebäude verlassen und auf einem Fahrrad Sergio Vitalis Armee von Berufskillern bis nach Chinatown entkommen konnte. Im Hotelzimmer wartet sie dann mit Champagner und Knabbereien auf den Bürgermeister, zu dem sie sich irgendwann hingezogen zu fühlen begann. Der wird logischerweise von Vitalis Männern verfolgt und über Alex Sontheims eingetragenen gleichen Namen wie in Zürich wissen sie, in welchem Zimmer beide sind. Die Turteltauben haben dann auch noch Sex, wie überraschend, was schnulzenhaft auf ganze drei Seiten beschrieben wird. Da hätte ich das Buch in die nächste Ecke schmeißen können, wenn ich es nicht schon fast bis zu Ende gelesen hätte. Aber ich muss schon sagen, Alex Sontheim ist eine starke Frau, wie sie mehr tot als lebendig, von Vitalis Männern zusammengeschlagen und mehrfach vergewaltigt, aus dem eiskalten Hudson River gefischt wird und den Killern im Krankenhaus dann wieder entkommt. Habe ich schon erwähnt, dass sie Wochen zuvor dem Bürgermeister mit einem Hechtsprung sein Leben rettete, als dieser auf dem Friedhof seine tote Familie besuchte? Ja, ja, da hat Nele Neuhaus eine Super Woman im Kostüm einer Investmentbankerin geschaffen. Auf die Idee wäre ich nie gekommen.

Und dann, es war Anfang Mai 2015, zeigte das ZDF eine Verfilmung des Nele Neuhaus’ Romans »Wer Wind sät«, eine Folge ihres Kripo-Duos Kirchhoff und von Bodenstein – ein sogenannter Taunus-Krimi. Ich konnte meine Augen nicht von der Mattscheibe lassen und war – eins, zwei, drei – erschüttert. Sexueller und psychischer Missbrauch Schutzbefohlener, Mobbing wegen Übergewicht, offener Scheidungskrieg, heimliche Heirat, Verführung Minderjähriger, Erpressung, heimliche Adoption, Gutachtenfälschung, Patentklau, Mord und Todschlag, Tumulte bei Pressekonferenz, Geiselnahme mit SEK-Einsatz – und das alles in einem rasenden Tempo. Manchmal sollte man sich wohl eher nicht so genau an die Vorlage halten. Ich hatte zeitweise große Probleme, mitzukommen und die Zusammenhänge zu verstehen.

Auf den genauen Ablauf möchte ich gar nicht eingehen, aber eine Szene fand ich wirklich sehr seltsam. Die Pressekonferenz im Wirtshaus. Geladen sind natürlich der Sprecher der Bürgerinitiative, die gegen die Errichtung eines Windparks ist, und der Geschäftsführer des zukünftigen Anlagenbetreuers. Die beiden Kripo-Beamte sind auch anwesend. Es dauert nicht lange, als Jugendliche beginnen, mit Gemüse zu schmeißen. Mir völlig unbegreiflich bricht eine Panik aus. Und es wird noch seltsamer. Die Jugendlichen sind die ersten, die rauslaufen und es fliegt nichts mehr durch die Gegend. Dennoch schreien die Anwesenden weiterhin wild durcheinander und laufen hektisch aus dem kleinen Versammlungsraum. Dabei fällt die Kirchhoff noch hin und von Bodenstein ruft, man müsse so schnell wie möglich raus. »Wovor laufen die denn weg?«, fragte ich mich. Die taten so, als ob jemand Tränengas freigesetzt hätte. Vor allem sah es so aus, als würde die Gefahr von den beiden Herren der Bürgerinitiative und der Windkraftfirma ausgehen. Und über den SEK-Einsatz auf der Wetterstation schreibe ich lieber nichts, außer dass es dem ganzen Blödsinn noch die Krone aufsetzte.

Der Film ließ mir keine Ruhe und am nächsten Morgen suchte ich im Internet nach einer Rezension. Vielleicht hatte ja jemand das Bedürfnis, seinen Eindruck über die Verfilmung in die Öffentlichkeit zu tragen, und ich wurde fündig. Im Feuilleton der Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) fand ich einen Bericht, der mich sehr beruhigte, denn ich verstand, dass ich mit meiner Meinung zur Verfilmung sowie über Nele Neuhaus’ Bücher nicht alleine bin. Gut, ich bin also nicht paranoid.

 

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