Seit 1923 wird in Deutschland am zweiten Sonntag im Mai der Muttertag gefeiert – zu Ehren der Mütter und der Mutterschaft. Vorreiter und in die Wege geleitet hat diesen Tag die Frauenbewegung in den USA, wo seit 1914 der Muttertag sogar nationaler Feiertag ist. Wer sich wundert, dass sich gerade Frauenrechtlerinnen für Mütter stark gemacht haben, dem solle endlich mal folgendes klar werden: zum einen waren und sind nach wie vor vorwiegend Mütter in der Frauenbewegung, die sich für Frauenrechte engagieren und zum anderen – und das ist etwas, das sehr oft aus einem mir völlig unbekannten Grund ausgeblendet wird – Mütter sind auch Frauen.

Können Frauen aber auch immer Mütter sein? Da habe ich in den letzten Jahren so viel gesehen und so viel gehört, dass ich nicht anders kann, als diese These hier aufzustellen: Kinder zu haben bedeutet nicht gleichzeitig auch Mutter zu sein.

Eine Mutter hält die Hand ihrer Tochter fest in der ihren und drückt mit ihrer anderen Hand einen Finger der Tochter so weit nach hinten, dass das Kind laut aufschreit, und das alles nur, weil das Mädchen ihre heiße Schokolade nicht schnell genug austrinkt. Dann eine andere Mutter, die ihrem Kind mit der flachen Hand ins Gesicht schlägt, weil der Junge mault, denn er möchte nicht mit ihr in die Postfiliale gehen und sich in die lange Schlange dort anstellen. Oder einmal im Café, als eine Mutter zu ihrer Tochter sagt, sie sei doof, aus welchem Grund auch immer. Meine Mutter hätte das niemals zu mir gesagt. Ich halte es für wahrscheinlicher, dass ich so etwas oder etwas Ähnliches zu ihr gesagt habe, als ich in der Pubertät war. Daran erinnern kann ich mich aber auch nicht mehr.

Können wir uns denn nicht sicher sein, dass sich aus einer guten Mutter-Kind-Beziehung auch ein guter Erwachsener entwickelt? Und andersherum eben nicht? Doch können wir, denn Erziehung und Zusammenleben formt uns Menschen und wird zum Teil an die eigenen Kinder weitergegeben. Es sei denn, das Kind reflektiert, in welch schlechter Situation es sich befindet und entwickelt seine eigene Persönlichkeit selbst. Das gibt es nämlich auch. Und um das zu wissen, muss ich nicht erst Psychologie studieren – das sehe ich.

Ich sehe eine Mutter mit ihrem kleinen Jungen in einem Schnellrestaurant Fish & Chips essen; sie unterhalten sich, der Junge bleibt die ganze Zeit auf seinem Stuhl sitzen, zum Schluss nimmt er sich sogar eine Serviette und wischt sich damit den Mund ab, und das ohne vorher aufgefordert worden zu sein. In einem anderen Schnellrestaurant sehe ich eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter, wie diese auf ihrem Stuhl steht und mit ein paar Nudeln in der Hand Faxen macht; deren Schuhe liegen unterm Tisch, und die Mutter ist mit ihrem Smartphone beschäftigt. Ich sehe eine Mutter mit ihrer Teenager-Tochter in einem Buchgeschäft und höre, wie beide sich über Fantasy-Romane aus dem Bereich Junge Erwachsene unterhalten. Die Mutter interessiert sich offensichtlich sehr dafür, weil sie genaue Fragen zum Inhalt der Geschichten stellt und legt schließlich fest, dass sich die Tochter zu Weihnachten drei Bücher aussuchen darf, von denen eins aber unbedingt ein Sachbuch als Begleitung zum Schulunterricht sein muss. Oder ich sehe eine Mutter und ihren kleinen Sohn, wie sie zusammen Vorlesebücher durchblättern, und der Junge darf dann anhand der Bilder, die ihm am besten gefallen, entscheiden, welches Buch gekauft wird. Und dann sehe ich eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn in einem Supermarkt, wie sie sich zwei Frauenzeitschriften aus dem Regal fischt und höre, wie der Junge seine Mutter fragt, ob er eine der Kinderzeitschriften haben darf. Da wird die Mutter ganz aggressiv und meint, dass das völliger Quatsch sei, denn er könne ja noch gar nicht lesen. Da hätte ich der Frau meine Packung Haferflocken hinterherschmeißen können, wenn mich meine Mutter nicht so gut erzogen hätte.

Natürlich sind das alles nur Momentaufnahmen, weshalb ich eigentlich nicht sagen kann, ob diese Mütter generell schlecht zu ihren Kindern sind, aber auch nicht, ob sie sich durchweg liebevoll um ihre Kinder kümmern. Außer wenn es um körperliche Gewalt in der Öffentlichkeit geht. Denn wenn eine Mutter wie selbstverständlich ihrem Sohn ins Gesicht schlägt oder ihrer Tochter einen Finger nach hinten drückt – ungeachtet dessen, dass jeder in deren Umfeld das sehen kann – dann hat sie das schon ein paar Mal zu Hause gemacht. Davon bin ich felsenfest überzeugt und lasse mich auch nicht von dieser Annahme abbringen.

Früher gab es auch Mütter, die ihre Kinder physisch und psychisch misshandelt haben oder auch so sehr streng in dessen Erziehung waren. Es ist aber meinem Eindruck nach etwas neu dazugekommen, was das Wesen einer dieser vielen Möchtegern-Mütter betrifft. Ich finde viele dieser Frauen unreif, lustlos und unachtsam. Oft frage ich mich, warum die unbedingt Kinder haben wollten. Nur um sie zu haben? Des Kindergeldes wegen? Weil sie eine eigene Familie haben wollten, in der sie aber alles besser machen, als es die eigene Mutter getan hat und dann aber sehr schnell feststellen mussten, dass sie überfordert sind und deshalb resignierten?

Vieles wird auf den Stress im Alltag geschoben. Klar, Schuld haben immer die Umstände. Wenn aber eben eine diese Möchtegern-Mütter, wie ich sie immer gerne nenne, nun aber einen Kindergartenplatz hat, sogar bis 17.00 Uhr, und zudem noch ganztags arbeiten gehen kann – und solche Fälle gibt es tatsächlich, wenn auch in den Alt-Bundesländern seltener als bei uns Ossis – dann frage ich mich, was die Frau denn für einen Stress hat? Sie hat keinen Stress, sie hat Ablenkung. Man mag sich ja gar nicht vorstellen, wie viele Mütter zur Entspannung Computerspiele spielen. Dann gibt es das Smartphone, die Sozialen Netzwerke, die unzähligen schrulligen Sendungen und Serien, die kompakt nur als Hartz IV-TV bekannt sind. Und wenn eine Mutter sich ablenken lässt, weil sie nicht genügend Selbstdisziplin aufbringen kann, um ihre freie Zeit in die Erziehung ihres Kindes oder ihrer Kinder zu investieren, dann ist sie an ihrer Überforderung nur selbst schuld.

Ich finde, viele Mütter sind auch nicht mehr so bereit, auf Hobbys zu verzichten oder sie einzuschränken. Heute heißt es oft – alles bleibt beim Alten und die Kinder nehme ich einfach mit.

Gut, dass es die meisten Mütter anders sehen und die Mutterschaft als komplett neuen Lebensabschnitt verstehen und auch bereit sind, bis spät in die Nacht die Tochter Vokabeln abzufragen oder sich auch ein Gedicht zum vierzehnten Mal anzuhören.

Selbst einfach nur Interesse an seinem Kind zu zeigen, ist leider keine Selbstverständlichkeit. Ich weiß nicht, wie viele Mädchen und Jungen eine Karte zum Muttertag basteln, malen oder schreiben, weil sie hoffen, dass ihre Mütter sich darüber freuen können und sie dann vielleicht liebhaben. Aber ich glaube, dass es viele sind.

 

Unverkäuflicher Text von Doreen Gehrke. Die Verwendung dieses Textes, ob nun auszugsweise oder in vollem Umfang, ist ohne schriftlicher Zustimmung von Doreen Gehrke urheberrechtswidrig. Auch eine Übersetzung des Textes sowie die Verwendung in elektronischen Systemen ist strafbar.