Im Jahr 1910 war es soweit. Abgesandte der internationalen sozialistischen Frauenbewegung beschlossen in Kopenhagen die Einführung dieses Ehren- und Gedenktages, der dieses Jahr nun zum 108. Mal und seit 1922 zum 95. Mal am 8. März an die Verdienste der zahllosen Frauen erinnert, die für Freiheit und Gleichberechtigung gekämpft haben und auch gestorben sind. An der Spitze der Fraueninternationale keine andere als die deutsche Sozialistin Clara Zetkin. Worum ging es den Frauen? Vor allem um das Erreichen des Frauenwahlrechts und das Enden des Ersten Weltkrieges. Sie engagierten sich für gesellschaftliche Gleichstellung, kämpften gegen Gewalt an Frauen und gegen den berüchtigten § 218 des Strafgesetzbuches (Abtreibungsverbot). Frauen sozialisierten sich global, traten für und miteinander auf.

Und heute? Für Deutschland sehe ich immer noch das Problem der Gewalt an Frauen, und meine, sie nimmt wieder zu. Vereinzelt gibt es Demonstrationen. Die Nachrichten berichten davon am Rande. Wie ernst nimmt man diesen Tag noch? Aus Erinnerungen wie es zu DDR-Zeiten war und wie es hier in den Neuen Bundesländern noch gehandhabt wird, ist es ein großes Besäufnis. Anfang des 20. Jahrhunderts sind Arbeiterfrauen aus Fabriken gelaufen, haben Schilder und Plakate in die Hände genommen, verlangten höhere Löhne und bessere Behandlung, sind marschiert und verhaftet worden. Das weiß heute kaum noch jemand. Nein, viele Frauen lassen sich immer noch gerne Honig ums Maul schmieren. Freuen sich riesig, wenn der Chef eine kleine Flasche Sekt, vielleicht auch Pralinen, auf den Schreibtisch stellt. Dabei sollte er Frauen den gleichen Lohn bezahlen wie den Männern. Vor 28 Jahren war es ja noch viel schlimmer – Frauenkollektive von der Stasi gelenkt. So nach dem Motto: Hängt den Weibern ein paar Medaillen um den Hals, drückt ihnen einen Zettel in die Hand, auf dem Auszeichnung steht,  und schenkt ihnen einen Strauß frischer Frühlingsblüher, dann fühlen sie sich wichtig und gebraucht. Wer aufmuckt, wird weggesperrt. Gott sei Dank habe ich das nicht mehr miterlebt.

Die Frauenbewegung hat sich verändert. Heute ist Frau kaum noch gegen etwas, heute ist Frau für etwas – die „Pille danach“, die Frauenquote. In den Tagen einer Clara Zetkin wäre ich ganz sicher mit dabei gewesen, aber heute sind mir Feministinnen irgendwie peinlich.  Die „Pille danach“ – ja, das macht es für die Frau ja so viel einfacher. Nein, ich denke nicht für alle, nicht für die vergewaltigte Frau. Hatte eine Frau sich vorher beim Arzt noch erklären müssen, warum sie die „Pille danach“ benötigt und dann erzählt, dass sie vergewaltigt wurde und Angst vor einer Schwangerschaft hat, muss sie das jetzt nicht mehr. Viele Opfer schämen sich und wollen nur vergessen. Weniger Vergewaltigungen werden angezeigt und weniger Täter werden verhaftet werden. Ja, ja, das muss Freiheit sein. Und die Frauenquote? Ein Schlag ins Gesicht für all die Frauen, die es ohne Quote geschafft haben. „Frau Gehrke, Sie wurden nur eingestellt, weil Sie eine Frau sind.“ „Frau Gehrke, sind Sie eine Quotenfrau oder können Sie auch etwas?“ Ähnliche Sätze wie diese werden Berufspolitikerinnen, wie die für diesen Schlamassel verantwortliche ehemalige Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Manuela Schwesig, niemals hören. Würden Sie in der Wirtschaft tätig sein, hätten sie es besser gewusst. Auch hier hat Frau nicht weit genug gedacht. Dieses Gesetz vereinfacht den Karriereaufstieg einer emanzipierten Frau nicht, er behindert ihn.

Aber was ist eigentlich Emanzipation? Ein selbstbestimmtes Leben – Freiheit – habe ich immer gedacht. Nur leider werden Frauen immer noch in Rollen gesteckt und müssen sich rechtfertigen, warum sie so sind, wie sie sind und warum sie das machen, was sie machen. Und sind es dabei wirklich nur die Männer, die es Frauen schwer machen, ein solch gewünschtes selbstbestimmtes Leben zu leben? Nein, zumeist sind es sogar Frauen – die bereits angesprochenen Feministinnen, die es anderen Frauen nachtragen, ein in ihren Augen nicht emanzipiertes Frauenbild zu verkörpern und/ oder ihnen vorwerfen, die Frauenbewegung sogar zu behindern. Frauen, die im Showbusiness mit wenig Stoff um den Hüften Erfolg haben, Frauen, die ihre Erfüllung zu Hause bei ihrer Familie finden, Frauen, die unbeirrt ihrer Karriere nachgehen, ohne sich zu beschweren, wie schwierig es manchmal sein kann, sich unter Männern zu behaupten. Vielleicht sollte Frau mal am Internationalen Frauentag gegen die aufgestellten Rollenbilder der Feministinnen und für ein selbstbestimmtes Leben demonstrieren. Ein selbstbestimmtes Leben – auch Prostituierte und Nonnen können emanzipierte Frauen sein!

Wie war das eigentlich damals mit der Frauenbewegung? Zu Beginn des 20. Jahrhunderts traten Frauen in den Hungerstreik, schlugen Schaufenster ein und verübten sogar Bombenanschläge auf öffentliche Gebäude. Ihr Ziel – das Wahlrecht für Frauen. Hauptsächlich, weshalb sie als die sogenannten Suffragetten (englisch/französisch: suffrage – Wahlrecht) bekannt waren. Aber es ging ihnen auch darum, generell gleichberechtigt leben zu können. Nicht einmal in der Öffentlichkeit zu rauchen, war Frauen damals erlaubt. Geschweige denn, ohne Erlaubnis des Ehemannes arbeiten gehen zu können. Heute eine Selbstverständlichkeit. Aber ich habe den Eindruck, dass diese hart erkämpften Selbstverständlichkeiten nicht mehr wertgeschätzt werden. Ja sogar von einigen Frauen überhaupt nicht für notwendig erachtet werden. Sinngemäß höre ich heute oft: „Ich bin emanzipiert, denn ich habe die Wahl.“ Aha, die Wahl also. Im Jahr 2016 erschien im Spiegel ein Artikel in dem Frauen, die eine sehr gute Ausbildung gemacht haben, sich entschieden haben, zu Hause zu bleiben. Dabei geben sie an, sich gerade deswegen emanzipiert zu fühlen, da sie sich dafür entscheiden konnten. Okay, sie werden von ihren Männern nicht gezwungen, den Haushalt zu schmeißen. Sind diese Frauen aber wirklich gegenüber ihren Männern gleichberechtigt? Gleichberechtigung heißt doch Emanzipation, oder nicht? Ja, das heißt es. Aber vor allem bedeutet Emanzipation Unabhängigkeit. Eine Frau, die sich für Haus und Familie entscheidet, aber gegen ihren Beruf und gegen das Geldverdienen ist nicht unabhängig. Akademikerinnen ohne Puffer. Das sind Frauen wie die in dem Artikel, die mehr oder weniger direkt nach ihrem Studium zu Hause bleiben. Sie haben noch kein Geld verdient oder sich in ihrer Arbeit in der Hinsicht bewiesen, dass sie, nach einer möglichen Schwangerschaft, einen einfachen Wiedereinstieg ins Berufsleben erfahren könnten, da sie als gute Arbeitskraft gebraucht werden. Nein, Frauen, die noch irgendwie gar nichts geleistet haben (außer Kinder kriegen), stehen buchstäblich mit leeren Händen da und sind auf ihre Männer angewiesen. Genau davon wollte die Frauenbewegung doch weg. Was haben Frauen kämpfen müssen, damit heute eine Ingenieurin auch eine Ingenieurin sein kann?! Und wie gerne würden Frauen in anderen Ländern eine solch gute Ausbildung machen wollen?! Dass sich gerade junge Akademikerinnen in die Abhängigkeit eines Ernährers stürzen, ist mir schleierhaft und ich finde es auch ehrlich gesagt peinlich. Nach dem Studium wollte ich erst mal Geld verdienen (selbst wenn es nicht viel war) und habe nebenbei noch Abendschule und Fernstudium durchgezogen. Ist wirklich nicht verkehrt, sich weiterzubilden, denn es könnte ja sein, dass man nach dem studierten Beruf etwas ganz anderes macht!

Heute kommt mir die Frauenbewegung irgendwie so weinerlich vor. Besonders bei dem, was derzeit in den USA, genauer gesagt in Hollywood abgeht. Ich bin froh, dass diese MeToo– und Time`s Up-Welle nicht so sehr nach Deutschland übergeschwappt sind. Entweder gibt es hier mehr Frauen, die bei diesem „Männerspiel“ nicht mitgemacht haben, oder sexuelle Übergriffe in der Filmindustrie kommen in Deutschland einfach seltener vor als in den USA. Wenn es aber in den USA so normal war/ist wie Zähneputzen, dann müssen wir uns auch fragen, warum Frauen das so lange akzeptiert haben? Alles für die Karriere? Und was sagt diese widerliche Akzeptanz über diese Frauen aus? Ich kann da einfach nicht so viel Mitgefühl empfinden wie einige dieser Frauen es scheinbar erwarten – so mein Eindruck. Denn ich muss da an die zahllosen Frauen denken, die ihre Stimmen niemals in der Lautstärke erheben können, wie es die bekannten Gesichter aus Film und Fernsehen viel früher hätten machen können, aber es erst jetzt tun. Jetzt?! Ja, nach so vielen Jahren des Mitspielens. Arbeiten seit Jahren zusammen mit Männern, denen sexueller Missbrauch nachgewiesen werden konnte; lassen sich mit ihnen fotografieren, umarmend und lächelnd, und wollen jetzt die größten Frauenrechtlerinnen der Welt sein?! Wie glaubwürdig sind solche Frauen?

Ich habe mir am Sonntag/Montag die 90. Oscar-Verleihung angeschaut. Als Jane Fonda und Helen Mirren auf die Bühne traten, habe ich den Fernseher ausgeschalten. Allein dass sie Hand in Hand zu zweit auftraten, war mir schon zu viel. Ich wusste nicht, was sie sagen werden, aber ich bildete mir ein, es zu wissen und habe es dann Stunden später in den Nachrichten bestätigt bekommen. Gerade zwei Frauen, die so viele Jahre erfolgreich in der Filmbranche tätig sind, hätten doch nun wirklich früher etwas sagen und machen können, als sich jetzt wie … wie was eigentlich? … zwei Phönixe aus der Asche zu präsentieren? Schaut her, wir haben es all die Jahre gewusst, mit ertragen und es überlebt? Die ganze Show … das war alles ein bisschen viel Feminismus für meinen Geschmack. Und ganz ehrlich … wenn ich ein Mann wäre, dann wäre ich auch nicht zur Preisverleihung gegangen. Es sei denn, ich wäre nominiert gewesen. Ist euch auch aufgefallen, wie wenig bekannte männliche Gesichter unter den Gästen waren? Sicher sind auch Frauen auf den Zug der MeToo– und Time`s Up-Bewegung aufgesprungen, die Männer zu Unrecht beschuldigt haben. Mit Gleichberechtigung hat das nichts zu tun und ist zudem ein weiterer Schlag ins Gesicht der Frauen, die tatsächlich Opfer sind.

Emanzipation hat ganz offenbar viele Gesichter bekommen. Darunter kann aber nur ein wahres Gesicht sein, nämlich das der Freiheit. Frauen und Mädchen, die in Iran ihre Kopftücher abnehmen und zur Fahne schwingen, wollen frei sein. Sie wissen es einfach besser als wir, denn für sie ist das Gleichsein noch nicht selbstverständlich. Seht in deren Gesichtern und ihr seht die Emanzipation.

Doreen.

 

Hier noch eine Empfehlung von mir: „Danke, emanzipiert sind wir selber! Abschied vom Diktat der Rollenbilder“, ein Buch von der ehemaligen Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Kristina Schröder in Zusammenarbeit mit Caroline Waldeck (2012).

 

Unverkäuflicher Text von Doreen Gehrke. Die Verwendung dieses Textes, ob nun auszugsweise oder in vollem Umfang, ist ohne schriftlicher Zustimmung von Doreen Gehrke urheberrechtswidrig. Auch eine Übersetzung des Textes sowie die Verwendung in elektronischen Systemen ist strafbar.