Bereits vor offiziellem Erscheinungstermin Mitte Juni 2015 ging das Buch dank der großen Nachfrage in den Verkauf und schaffte es prompt auf Platz 9 der Belletristik-Bestseller-Liste. Eine ausgeklügelte Marketing-Maschinerie des Blanvalet-Verlags gab dem Buch den gewissen Schwung, um den im englischsprachigen Raum anhaltenden Erfolg auch hierzulande zu erreichen. Neben den mittlerweile üblichen Werbemaßnahmen in den sozialen Netzwerken, waren es Poster und Aufsteller an Bahnhöfen mit neugierig machenden Headlines und Inserate in den Zeitschriften Dein Bahnhof und DB Mobil. Mit Blick auf den Titel macht das auch Sinn. Die Protagonistin pendelt täglich mit dem Zug nach London zur Arbeit. Selbst als sie ihre Stelle durch Trunkenheit verliert, fährt sie jeden Tag in die Stadt, um den Schein einer berufstätigen Frau zu wahren.

Und weiter? Paula Hawkins wird einer Mosaik- und Schnitttechnik nachgesagt wie sie der von Gillian Flynn gleicht. Aha! Die Feuilleton-Redakteurin Sylvia Staude von der Frankfurter Rundschau sieht in dem Thriller einen Spannungsaufbau nach Muster: ein Informationsschritt vor, zwei Zweifelschritte zurück. Wieder Aha! Hat man hier etwa geguckt, wie erfolgreiche Bücher stilistisch aufgebaut sind? Hat man hier etwa abgekupfert? Gone Girl – ein Buch von eben der Gillian Flynn, an der man beim Lesen des Girl on the Train– Bestsellers scheinbar oft denken muss, – ein Buch, das verfilmt wurde und Konkurrenz bekommen hat, wie erwarten von genau diesem angepriesenen Buch, dessen Filmrechte bereits vor Veröffentlichung verkauft worden sind, – und ein Buch, das vermutlich als Vorlage dieses neuen Erfolgs-Thrillers nach Plan diente.

Wie kam es dazu? Der Spiegel nennt es eine aufwendig geplante Vermarktungsstrategie. Etwa zwei Jahre hatten Lektoren, Agenten und Marketingexperten an dem halb fertigen Manuskript von Paula Hawkins »gebastelt«. Nach System zum Welterfolg. Da stellt sich doch die Frage, ob das noch Literatur ist? Nein, ich denke nicht. Eher ein zurechtgeschnittener Blockbuster, wie wir ihn aus Hollywood kennen. Da bekommt das »Kopfkino« eine ganz andere Dimension. Und hatte Paula Hawkins überhaupt noch an ihrem Werk mitgearbeitet? Im schlechtesten Fall wohl nicht. Und was soll man dann als Leser von so einer Schriftstellerin halten? Erfolg um jeden Preis, ganz egal ob andere aus einer bloßen Idee einen Roman entwickelt haben? Ich weiß, ich wäre nicht ich selbst, wenn ich eine Scharr von Experten an meine Gedanken ließ. Und ich weiß, ich werde jetzt noch skeptischer gegenüber Bestsellern sein.

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