Noch ein paar Minuten. Noch ein paar Minuten und ein paar Sekunden, ein paar zerquetschte. Noch ein paar Minuten und ein paar zerquetschte Sekunden und dann kann Ulla endlich aufstehen. Sie könnte auch schon früher aufstehen. Durchaus könnte sie das. Wer würde sie denn sehen? Im Morgenmantel oder nicht im Morgenmantel und nur im Nachthemd. Wie Ulla durch ihre Wohnung tigert, wie sie durch die Fensterscheiben auf die Straße und in andere Wohnungen guckt. Wer würde sie denn sehen? Niemand. Und doch bleibt sie liegen, trommelt mit den Fingern auf der Bettdecke über ihrer Brust und überlegt. Ulla überlegt viel und eigentlich pausenlos. Was mache ich heute? Oder anders: Wie sieht heute der Tagesablauf aus? Oder gleich ganz direkt: Wie kriege ich den Tag am besten über die Bühne?

Langeweile ist schlimmer als das Alleinsein. Ulla wohnt allein und gerne allein. Mit jemanden zusammenleben? Nicht, wenn Ulla es nicht möchte. Noch drei Stunden und ein paar Minuten und ein paar Sekunden, ein paar zerquetschte. Also drei Stunden, ein paar Minuten und ein paar zerquetschte Sekunden bis Ulla ihre Freundin Christel zum Frühstück trifft. Pünktlich um 8.00 Uhr, Tisch Nr. 5 in der hinteren linken Ecke in ihrem Lieblings-Café Zum Marktplatz. Von dort aus hat man alles im Blick. Das kleine Frühstück, manchmal eine zweite Tasse Filterkaffee, nicht länger als eine Dreiviertelstunde. Das muss reichen. Mehr Zeit kann Ulla ihrer Christel nicht schenken. Seit jeher versucht sie der Christel klarzumachen, wie sehr sie in ihren Aufgaben und Unternehmungen eingespannt ist. Ganz offensichtlich will Ullas Freundin das nicht verstehen, wenn sie Ulla vorwirft, als Rentnerin doch genügend Zeit für sie haben zu müssen.

Das Trommeln mit den Fingern auf Ullas Bettdecke wird lauter und schneller, bis es nach ein paar Minuten und ein paar zerquetschten Sekunden verstummt. Endlich. Die Bettdecke wird zur Seite geworfen, der Oberkörper aufgerichtet und der Wecker ausgeschaltet. Es ist 5.00 Uhr an einem Morgen an einem sonnigen Tag im Sommer. Ulla mag den Sommer. Wäre es Winter, würde Ulla noch im Bett liegen, mit ihren Fingern auf der Bettdecke trommeln und zur Decke starren oder zum Fenster. Aber es ist Sommer und Ulla hat gute Laune. Da macht es ihr nur wenig aus, bis etwa 6.00 Uhr zu warten, um dann mit ihrer noch am Abend zuvor gewaschenen Wäsche die Wohnung zu verlassen und zum Wäscheplatz zu gehen, um dort als Erste, Wäsche aufhängen zu können. Und wehe wenn nicht! Sonst ist Ullas gute Laune ganz schnell hin, an diesem Morgen an einem sonnigen Tag im Sommer.

Glück gehabt. Zurück in ihrer Wohnung nutzt Ulla die Zeit bis zum Frühstück mit Hausarbeit, etwa eine Stunde und 15 Minuten. Sie mag es sauber und gepflegt. Besucher sollen nicht denken, sie lebe in einem Schweinestall. Aber Ulla mag keinen Besuch. Zu zeitaufwendig. Man weiß nie, wann er wieder geht, der Besuch, den Ulla nicht mag und der Besuch Ulla vielleicht auch nicht. Wer kann das schon wissen? An diesem Morgen an diesem sonnigen Tag im Sommer müssen ein Joghurtlöffel und ein Kännchen samt Tasse daran glauben. An den Abwasch natürlich, was sonst? Früher hat Ulla ihr Geschirr noch gesammelt, um Wasser zu sparen. Wer solle auch anders als sie und andere ältere Leute Wasser sparen, wenn die Jungen heutzutage dazu nicht in der Lage sind? Aber das hat Ulla aufgeben müssen, nachdem sie keine andere Aufgabe mehr fand. Etwas anderes als den Abwasch. Etwas anderes bis zum Frühstück um 8.00 Uhr. Etwas, um sich die Zeit zu vertreiben.

So, jetzt aber los. Pünktlich um 7.45 Uhr steht Ulla vor ihrem Briefkasten und schließt ihn auf. Keine Zeitung, kein Brief. Wie immer. Ein leerer Briefkasten stört Ulla nicht. Kein Brief, den es zu lesen gilt und auf den man reagieren müsse. Auf den Brief, oder dem Schreiberling, der ja gleicht einem Sonderling. Wer schreibt denn heute noch Briefe?

Weitere fünf Meter Richtung Café und Ulla erreicht die Baustelle, die seit letzter Woche die Kreuzung vor ihrer Straße blockiert. Ullas neuer Lieblingsort.

Der ältere der beiden winkt amüsiert, als er Ullas überschwängliches »Guten Morgen, Männer« hört. Das Alter gibt ihm wohl seine Gelassenheit. Oder es ist seine Erfahrung, all die Erlebnisse, die er über Jahre mit Passanten gesammelt hat. Wahrscheinlich beides. Ganz anders reagiert da der jüngere der beiden Männer. Der kann sich ganz sicher etwas Besseres vorstellen, als in diesem Moment, an diesem Morgen an einem so sonnigen Montag, die schlaffen Titten einer alten Frau über der Absperrung hängen zu sehen. Er dreht sich weg und schaut verzweifelt zu seinem Kollegen, so als ob mit einem schwarzen Marker auf seiner Stirn geschrieben steht »Bitte mach, dass sie weggeht«. Der Ältere nickt ihm zu, hört sich Ullas Weisheiten an und tut so, als gäbe er ihr recht. So lässt es sich besser ertragen. Bedenkt man, dass Passanten wie Ulla an jeder Baustelle vorbeikommen können, einem Smalltalk abverlangen und es besser wissen wollen, so sollte sich der jüngere einen dickeren Pelz zulegen. In seinem Job hat man ganz offenbar viel Kontakt zu den verschiedensten Leuten, seine Arbeit jedoch macht ihm keiner. Big Brother is watching you! An diesem Morgen an diesem sonnigen Montag ist Ulla sein Big Brother. Und Ulla hat Ahnung! »Früher hat man ja noch anders gearbeitet. Früher hat man für die Ewigkeit gebaut. Früher hat alles länger gehalten.« Normalerweise sind das Sätze, die die beiden von Männern hören. Aber Ulla ist da anders, denn sie weiß, wie man mit Männern spricht. Über Frauenthemen zu reden, macht hier keinen Sinn. Dazu hat sie ihre Freundinnen, wie Christel, die ganz sicher schon im Café auf Ulla wartet. »Jetzt muss ich aber weiter«, sagt sie dann auch, als ihr ihre Freundin in den Sinn kommt. Im Weggehen hört sie den einen noch »Dann bis gleich« sagen und lacht. Wie aufmerksam von ihm, denkt sie.

Wenn der Tag so gut beginnt, dann scheint die Sonne doch gleich viel heller. Aber das Lächeln in Ullas Gesicht verschwindet in dem Augenblick, als sie Christel an ihren Tisch auf sie warten sieht. Hängende Mundwinkel, angespannte Haltung, Hände gefaltet wie zum Gebet. Da würde Ulla am liebsten zurückgehen. Die Bauarbeiter sind so gar nicht langweilig und wissen wenigstens, etwas mit ihrer Zeit anzufangen. Christel kann das nicht. Christel weiß vor lauter Langeweile nicht, was sie machen soll. Die Frau geht Ulla auf die Nerven – mit ihren zahllosen Enkelkindern, ihren Hobbys und ihren bescheuerten Hund. Ein kleiner schwarzer Dackel namens Rudi. Der Köter ist so hässlich wie ein Maulwurf, denkt Ulla. Wahrscheinlich verkriecht er sich auch wie einer und buddelt sich sein Loch. Denn Rudi hört man nie. Wenn Christel ihn nicht ständig streicheln würde, käme man gar nicht darauf, dass ein Hund an Christels Seite säße. Als Ulla das Café betritt, denkt sie an die immer gleichen Sätze, die in der nächsten Dreiviertelstunde gesprochen werden. »Morgen Ulla. Ich habe dir schon das Kleine Frühstück bestellt. Den Kaffee bringt sie gleich.« Dann folgen die obligatorischen Fragen nach Ullas Garten, Ullas Fahrrad, Ullas Fernsehabend. Das Gespräch an diesem Morgen an diesem sonnigen Montag geht zum Teil so:

Ulla: Also, die Bauarbeiter in meiner Straße, sage ich dir, die schuften was das Zeug hält. Dauert nicht mehr lange, dann haben sie die Leitungen ausgetauscht. Ich weiß gar nicht, wie oft die Straße schon aufgemacht wurde. Und immer genau an dieser Stelle. Bestimmt jeden Sommer in den letzten fünf Jahren. Irgendetwas war immer.

Christel: Die fangen doch auch erst gegen 7.00 Uhr an zu arbeiten, nicht wahr?

Ulla: Ja, ja. Aber es würde mich nicht stören, wenn sie schon um 6.00 Uhr mit ihrer Arbeit anfangen.

Christel: Na ja, als Rentnerin stört mich Baulärm auch nicht mehr. Aber wenn man noch in Arbeit ist und morgens raus muss, dann ist es doch angenehmer, wenn man nicht so früh geweckt wird. Da reicht es schon, wenn die Müllabfuhr bereits kurz nach 6.00 Uhr unterwegs ist.

Ulla: Ach, hör doch auf. Das bisschen Arbeit, was die Jungen heute haben. Wir haben früher viel mehr gearbeitet.

Christel: Wir hatten aber nicht so viel Stress.

Ulla: Was heißt denn hier Stress? Ich habe auch zwei Kinder groß gekriegt und nebenbei gearbeitet, und nicht nur halbtags. Früher wäre man nicht auf die Idee gekommen, seine Eltern um Hilfe zu bitten. Unser Geld wollen sie haben, unsere Zeit wollen sie haben.

Christel: Damit meinst du doch nicht dich selbst, oder?

Ulla: Na ja, irgendwie schon. Wenn die eigenen Kinder erwachsen sind, denkt man doch, sie könnten sich um ihre Kinder selber kümmern. Aber heutzutage ist es anders. Meine Tochter hat kaum noch Zeit für mich. Ihre Kinder fragen nach Geld und überlassen ihr die Enkel, wann sie wollen. Das ist eine Selbstverständlichkeit.

Christel: Aber das ist doch normal, dass man sich innerhalb der Familie hilft.

Ulla: Ja, Christel. Aber in der Generationsabfolge sollte es folgendermaßen heißen: Enkelkinder, Kinder, Großeltern, Urgroßeltern.

Christel: Ja, und? So ist es doch, oder etwa nicht?

Ulla: Nein, das ist es nicht. Heute heißt es: Enkel, Kinder und dann Erwachsene, einschließlich uns Urgroßeltern.

Christel: Ach, Ulla. Jetzt übertreibst du aber.

Ulla: Ich übertreibe überhaupt nicht. Die Jungen heutzutage wollen sich einfach nicht mehr anstrengen. So wie meine bescheuerte Nachbarin.

Christel: Du meinst die, die du seit wie langer Zeit nicht mehr gesehen hast?

Ulla: Na ja, durchs Schlüsselloch sehe ich sie beinahe täglich. Aber eigentlich ist sie die ganze Zeit in ihrer Wohnung. Den ganzen Tag auf der Couch liegen und Fernseher gucken, kein Mann, keine Kinder.

Christel: Meine Tochter meinte, dass wenn sie Hartz-IV-Empfänger wäre, nicht mehr in der Innenstadt wohnen würde.

Ulla: Ach, vielleicht bezahlen ihre Eltern die Wohnung. Das meine ich ja. Die Jungen kriegen ihr Leben einfach nicht in den Griff und brauchen ihre Eltern.

Christel: Meine Tochter meinte, dass sie vielleicht von zu Hause aus arbeitet. Das machen heute viele Menschen. Nicht alle müssen zur Arbeit fahren.

Ulla: Du und deine Tochter. Die kennt meine Nachbarin doch gar nicht.

Christel: Du doch aber auch nicht.

Ulla nippt an ihrem Kaffee und schaut zur Einkaufsstraße. Draußen gehen junge Mütter mit ihren Kindern an den Händen und im Kinderwagen vorbei. Wie Ulla bemerkt auch Christel die Frauen und meint, dass die Kinderwagen heutzutage viel schöner seien. Ihr Enkel ist vor ein paar Wochen Vater geworden und hat sie zur Urgroßmutter gemacht. Mit dessen Freundin verstünde sie sich auch ausgezeichnet und sie alle würden sich regelmäßig sehen. Dass sie beide nicht verheiratet sind, finde Christel schade, aber sie verstehe auch, dass eine Heirat für die jungen Leute heute nicht mehr so wichtig ist.

Ulla: Also, ich muss dann jetzt los. Mein Garten wartet auf mich.

Christel: Okay. Morgen werde ich übrigens nicht kommen.

Ulla: Nein? Warum denn das nicht?

Christel: Ich fahre mit meinem Enkel und seiner kleinen Familie nach Rostock zu IKEA.

Ulla: Ach, die brauchen wohl noch etwas für ihre Einrichtung und du darfst dann bezahlen.

Christel: Ja, und? Ist doch mein Geld, das ich ausgebe und nicht deins.

Ulla: Ja, Christel. Hier hast du meine 7.45 € fürs Frühstück. Kannst du das der Kellnerin geben? Ich will jetzt los.

Christel: Ja, mache ich. Wie immer.

Ulla: Dann bis morgen. Tschüss.

Christel: Ja, Ulla. Bis übermorgen. Tschüss.

 

Wütend und mit leichtem Herzrasen verlässt Ulla das Café. Soll ihre Freundin Christel ruhig ihre Zeit und ihr Geld für ihren Enkel verschwenden. Ulla weiß etwas Besseres mit sich anzufangen. Auf den Weg zurück zu ihrer Wohnung sieht sie die beiden Bauarbeiter gerade schwer beschäftigt. Einer im Bagger und der andere mit einer Schippe in der Hand heben sie weiter Erdreich aus. Das ist harte Arbeit, denkt Ulla und glaubt zu wissen, dass ihre Nachbarin nur faul sein kann. Welche Arbeit kann man schon von zu Hause aus machen? Vorm Computer sitzen und irgendeinen Müll tippen? Das ist doch keine Arbeit? Arbeit ist nur Arbeit, wenn man am Ende des Tages ein Ergebnis sieht!

 

Vor der Haustür steht ein junger Mann vom Paketdienst dpd. Der kann auch nichts gelernt haben, wenn er Pakete ausliefern muss, denkt Ulla und holt ihren Hausschlüssel aus ihrer Handtasche. Der Mann spricht sie an und fragt, ob sie für eine Nachbarin ein Paket annehmen könne. Ausgerechnet für Ullas spezielle Nachbarin, für Ullas Lieblingsnachbarin. Ulla regt sich darüber auf und antwortet, sie habe keine Zeit, sie müsse in ihren Garten. So geht sie ins Haus und in ihre Wohnung. Sie fragt sich, warum ihre Nachbarin nicht zu Hause sein soll. Aber vielleicht schläft die ja noch. Leute, die nicht morgens zur Arbeit raus müssen, lassen den Tag doch sowieso nur vor sich dahinplätschern – solange bis sie ihn tatenlos über die Bühne gebracht haben.

 

In ihrer Wohnung verliert Ulla keine Zeit. Noch schnell auf die Toilette, eine dünne Sommerjacke übergezogen und mit der am gestrigen Abend bereits gepackten Tasche in der Hand, knallt sie ihre Wohnungstür zu und stolpert die Treppe runter zu ihrem Fahrrad. Ullas Fahrrad ist ihr ganzer Stolz. Sobald ihr etwas verdächtig erscheint, fährt sie damit zum Fahrraddienst und lässt es durchchecken. Nur um auf Nummer Sicher zu gehen. Wenn sie manche jungen Leute mit ihren Drahteseln sieht, verdreckt und verschlissen, fragt sie sich, warum man diese nicht aus dem Verkehr ziehe. Schließlich würden diese andere Verkehrsteilnehmer gefährden. Aber heutzutage dürfe ja jeder alles machen.

 

Auf dem Weg zu ihrem Garten weicht Ulla gekonnt den vielen Fußgängern aus, die nicht ordnungsgemäß den Bürgersteig benutzen. Es ist Montag gegen 10.00 Uhr und die jungen Leute schlendern einem vor die Füße rum, denkt Ulla und rast an ihnen vorbei. Vor der Gartenanlage sieht sie die Autos anderer Gartenpächter mit und ohne Anhänger, die auch nicht alle richtig geparkt sind. Wozu gibt es das Parkschild denn, fragte Ulla mal einen der Pächter, der ihr darauf einen Vogel zeigte und meinte, sie solle sich mal um ihren eigenen Kram kümmern. Ulla entgegnete, dass sie das ja täte, schließlich sei sie genauso Pächter wie er und andere. Da aber heute niemand vorm Eingang und an den parkenden Autos zu sehen ist, fährt Ulla direkt weiter und zu ihrem Garten.

 

Dort fallen ihr sofort ihre Nachbarn auf, die fleißig Erdbeeren pflücken. Ullas Gartennachbarn sind einige Jahre jünger als sie und erst vor kurzem in Rente gegangen. Sie haben noch viele Beete, die sie alleine pflegen und die ihnen immer reichlich Ernte schenken. Ulla kann nicht widerstehen. Sie lehnt ihr Fahrrad an die Pforte, geht auf ihre Nachbarn zu und ruft übern Zaun, sie sollen sich doch ein Kissen unter die Knie legen. Dann sei das Pflücken gleich viel angenehmer und man scheuere sich die Knie nicht auf. Die beiden älteren Leute schrecken auf, denn sie waren mit ihren Erdbeeren so beschäftigt, dass sie Ulla nicht kommen gehört haben. »Ach Gott, habe ich euch erschreckt? Ihr seid doch wohl nicht empfindlich, oder was?« Ulla lacht und lässt ihre Nachbarn gar nicht antworten, sondern empfiehlt ihnen gleich, am besten noch zu gießen, bevor es zu heiß dafür wird. Es würde wieder ein heißer Tag werden, dieser sonnige Montag. Da müssen sie auf ihre Erdbeeren Acht geben, dass sie keinen Sonnenbrand kriegen. Der Mann kann sich nicht mehr zurückhalten und ruft Ulla freundlich aber bestimmt zu, dass sie sie endlich in Ruhe lassen soll. Sie hätten sie bereits mehrfach darum gebeten. Aber Ulla lacht nur und erwidert, er solle sich nicht so aufregen, in seinem Alter und bei seiner Statur könne man ganz schnell einen Herzinfarkt kriegen. Die Frau des Mannes rät ihm, Ulla gar nicht zu beachten und meint, sie sollen einfach ihre Erdbeeren zu Ende pflücken und dann nach Hause gehen. »Ach, ihr bleibt gar nicht so lange? Ja, bei der Hitze ist es wohl auch das Beste. Ich werde dann mal nach meiner Laube sehen.«

 

Ulla schließt ihre Laube auf und kontrolliert, ob alles in Ordnung ist. Man kann nie wissen. Es gab schon Einbrüche. Natürlich nur von jungen, gelangweilten Leuten begangen, die nichts mit ihrem Leben anzufangen wissen. Deshalb ist Ullas Laube auch nur spartanisch eingerichtet. Gartengeräte, die gestohlen werden können, besitzt sie nicht. Wenn etwas im Garten gemacht werden muss, wie zum Beispiel Rasen mähen oder Bäume beschneiden, macht das sowieso ihr Schwiegersohn und der kann alles, was er braucht, mitbringen und wieder mitnehmen.

 

Ulla stellt einen ihrer Gartenstühle vor die Laube und holt ihre Tasche vom Fahrrad, das sie noch schnell am Zaun anschließt. Sicher ist sicher. Mit einer Zeitschrift macht sie es sich bequem und genießt bis zum Mittag die Ruhe und vor allem die Sonne, an diesem so sonnigen Tag.

 

Zurück in ihrer Wohnung stellt sie ihre Tasche im Flur ab und geht noch mal runter in ihren Keller. Dort hat sie ihren Grünen Markt, wie sie sagt, und sucht sich ein paar Kartoffeln zusammen, eine Zwiebel und ein bisschen Lauch. Mit ihrer kleinen Kiepe geht es zurück in ihre Wohnung und in die Küche. Ulla kocht grundsätzlich frisch und jeden Tag. Sie verstehe gar nicht, wie sich die jungen Leute heutzutage nur noch von Fastfood ernähren können. Sich etwas Gesundes kochen zu können – dafür müsse doch Zeit sein. Oder mache ihnen das auch zu viel Stress? Früher hatte Ulla für ihren Mann und ihre Kinder auch immer abends eine Suppe gekocht, damit sie alle wenigstens einmal am Tag etwas Vernünftiges essen. Aber schnell eine Pizza in den Backofen und dann vorm Fernseher auf die Couch. So sieht heute bei vielen Familien das gemeinsame Abendessen aus.

 

Gegen 14.00 Uhr geht es zurück in den Garten. Ullas Nachbarn sind nicht da. Vielleicht kommen sie abends zum Gießen, denkt Ulla und widmet sich wieder einer ihrer Zeitschriften. Die Promis haben es ihr so ganz und gar nicht angetan. Ulla verstehe nicht, dass besonders junge Menschen (wer sonst) sich mit den sogenannten VIPs vergleichen und am liebsten genauso leben und genauso berühmt sein würden. Haben die überhaupt kein Selbstbewusstsein? Ulla bevorzugt Zeitschriften, in denen Lebensweisheiten, Rezepte und Deko-Ideen zu finden sind. Einiges an Dekorationen mache aber so überhaupt keinen Sinn. Zum Beispiel Äste zu sammeln und zu trocknen, um sie dann zusammengebunden aufs Fensterbrett zu legen. Unsinnige Staubfänger, wie Ulla so gerne sagt.

 

Am späten Nachmittag hört Ulla Kinderstimmen, die von zwei Gärten entfernt zu ihr schallen. Sie schlägt ihre Zeitschrift zu, steht auf und geht zum Gartenzaun, um besser erkennen zu können, was dort los ist. Die Pächter dieses Gartens, auch Rentner, haben für ihre Enkel einen Pool aufgestellt und lassen die Kinder im Wasser toben. Ulla kann es kaum fassen. Werktags so ein Krach. Den hat sie doch schon in der Innenstadt, wo sie wohnt. Die Gartenanlage ist lärmfreie Zone, findet Ulla und sie überlegt, ob sie hingehen soll, um sich zu beschweren. Auf einmal hört sie die Stimme ihrer Nachbarin. Sie dreht sich um und sieht sie zusammen mit ihrem Mann, der bereits den Gartenschlauch in der Hand hält und die Beete gießen will. »Das ist doch nicht zu glauben, oder wie findet ihr das?«, fragt Ulla. Die beiden Eheleute lachen und die Frau antwortet: »Warte bis unsere Enkel kommen. In den Sommerferien werden sie die ganzen sechs Wochen bei uns sein und wir kommen jeden Tag hierher.« Ulla ist schockiert über so viel Dreistigkeit und entgegnet: »Dann werde ich mich beschweren. Die Gartenanlage ist schließlich kein Spielplatz.« Aber die beiden Rentner lachen nur und als Ulla noch etwas sagen möchte, schmeißt der Mann den Gartenschlauch an und gießt seelenruhig seine Beete.

 

Ulla beschließt, nach Hause zu fahren. Sie packt ihre Sachen zusammen, schließt die Laube ab und verlässt die Gartenanlage. Als Ulla an dem Garten vorbeifährt, wo die Kinder im Pool schwimmen, sieht sie deren Großvater winken und grinsen. Ulla hält an und steigt von ihrem Rad. Das will sie sich nicht bieten lassen und ruft: »Es ist mein gutes Recht, mich zu beschweren. Das ist nicht in Ordnung, was Sie hier machen.« Der Mann lacht, winkt ab und brüllt: »Ach du, meckere ruhig rum. Das hält dich ja am Leben!«

 

Mit viel Wut im Bauch macht sich Ulla auf den Weg. Unterwegs wird sie von einem Autofahrer übersehen und beinahe angefahren. Im letzten Moment kann der Mann noch bremsen und brüllt: »Auch Alte haben den Radweg zu benutzen! Was glauben Sie denn, wer Sie sind?« Ulla kreischt: »Ach halten Sie die Klappe! Leisten Sie erst mal das, was ich im Leben geleistet habe, dann können Sie so mit mir reden.«

 

Zu Hause lässt sie ihre Wäsche hängen und geht direkt in ihre Wohnung. In ihrer Küche fragt sich Ulla, ob sich die Pächter in der Gartenanlage gegen sie verschworen haben. Wie solle sie es dort noch aushalten, wenn alle gegen sie sind? Ulla möchte doch nur ihre Ruhe haben. Mit zwei Tomatenstullen geht sie ins Wohnzimmer und schaltet den Fernseher an. Nach Perfektes Dinner schaut Ulla noch Tagesschau und dann vielleicht einen Krimi, falls einer im Ersten oder Zweiten kommt. Manchmal guckt Ulla auch NDR. Aber lange dauert es nie, bis Ulla ins Bett geht.

 

Dann liegt Ulla auf ihrer Liege, trommelt mit den Fingern auf der Bettdecke und wartet darauf, dass der nächste Tag beginnt. Morgens wird sie die Bauarbeiter begrüßen, sie wird frühstücken gehen (auch ohne Christel), sie wird zu ihrem Garten fahren, sie wird mittags zurück in ihrer Wohnung sein, sie wird den Nachmittag in ihrem Garten verbringen, sie wird sich abends wieder in ihrer Küche zwei Stullen schmieren, mit Tomate, Gurke oder Frischkäse, und dann wird Ulla früh ins Bett gehen und hoffen, dass am nächsten Tag die Zeit genauso schnell vorübergeht – an einem oder keinem so sonnigen Tag.

 

 

Unverkäuflicher Text von Doreen Gehrke. Die Verwendung dieses Textes, ob nun auszugsweise oder in vollem Umfang, ist ohne schriftlicher Zustimmung von Doreen Gehrke urheberrechtswidrig. Auch eine Übersetzung des Textes sowie die Verwendung in elektronischen Systemen ist strafbar.